Soll ich mir nun Zeit für Brot nehmen oder bin ich dann selber schuld, wenn ich Osteoporose bekomme?

01-08-2019 / Lisa Wiedemensch

Neulich war ich in einer Bäckerei, in der ich mir laut Namensgebung mal anständig „Zeit für Brot“ nehmen sollte. Die Brote sahen so aus, als hätte man sie gebacken und dann stundenlang ins Regal gemalt. Nachdem der zu zahlende Preis in meinen Gehörgängen eintraf und in Schock umcodiert wurde, überlegte ich kurz, das Ganze abzusagen.

Hat aber immerhin ziemlich gut geschmeckt. Und laut Selbstauskunft sind sowohl „Bio“ „Ökostrom“ als auch „Nachhaltigkeit“ eingebacken; an den Rezepten wurde „seit Generationen getüftelt“, das heißt keine/r denkt sich das Rezept für den Teig einfach morgens saufrüh lustlos aus; unter dem #ZeitfürBrot finde ich auf Instagram 7.085 Bilder von gefilterten Alltagen; die Brote wurden laut Webpage von „echten Menschen“ gebacken und nicht von unechten Maschinen, die dem „echten Menschen“ ja sowieso schon arg viel wegnehmen. Meine Schwester arbeitet stehend für die Maschinen und macht nach acht Stunden auch Brotzeit, um am nächsten Tag wieder volle Kraft voraus ihren Brotunterhalt verdienen zu können.

 

Ausstellungsansicht: Trauma Team: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing
Ausstellungsansicht: Trauma Team: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing

 

Ich hingegen arbeite größtenteils vom Stuhl aus vor Bildschirmen (nach Pomodoro-Technik, d.h. in Zirkeln 25 Minuten tippen und fünf Minuten Internetpause), was mich zum Problem führt: Der Umkreis der Brotstube wird gleichermaßen von der Kohlenhydrateminimierungskultur verwaltet, die sich den Sitzjobs angenommen hat. Ich kann „echte Menschen“ beobachten, wie sie das zur Suppe gereichte Brot seinem Schicksal der Dehydrierung überlassen; mir Bücher kaufen, die klarstellen, wie ich aus Zucchini einen Pizzaboden baue oder mir eine Bowl einverleiben, in der Carb-onara nun mal nichts zu suchen hat. „Wir wissen alle“, dass „ungesunde Kohlenhydrate“ – also Brot (mit Mehl) – die Wahrscheinlichkeit erhöhen an Diabetes, Gicht, Fettleibigkeit, Depressionen, Rheuma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rheuma oder eben Osteoporose zu erkranken. Wer also zu viel Brot frisst und erkrankt, ist selber schuld –  so lieben es die biopolitischen Bedingungen zumindest.

Welcher Schlagseite gebe ich mich also hin? Prävention oder lasse ich mir den Krustenkapitalismus schmecken? „Good Life Bowl“ und ständig Hunger oder Zeit für Brot und Osteoporose?

CLICK: Neu! Brot-Playlist: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing

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Text anlässlich der Veranstaltung:

Trauma Team: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing
Susann Bischof, Anna Grabo, Jenny Schäfer, Lisa Wiedemann
Pudel, Hamburg
 

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Trauma Team

Das Trauma: Eine verfehlte Begegnung mit dem Realen.
Der Pudel: Eine hölzerne Heterotopie, eine Dunkelkammer für Ängste und Phantasien.
Die Urszene: Dem Pudel hat das Dach gebrannt – wie kriegen wir dieses Trauma wieder los? 
Die Therapie: Einmal im Monat wird sich der Angst gestellt und der Panik getrotzt.

Team:
Raphael Dillhof / Nina Lucia Groß / Mona Hermann

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