Was die Credit-Inflationie über aktuelle Tendenzen im Kunstfeld aussagt

10-11-2020 / Anna-Lena Wenzel

In den letzten Jahren ist ein neues Phänomen in Ausstellungen zu beobachten: auf Wandtexten oder Infozetteln gibt es umfangreiche Credit-Listen, in denen die Beteiligten genannt werden, die bei den Arbeiten oder Ausstellungen mitgewirkt haben. Zwar war es ein offenes Geheimnis, dass Künstler*innen wie Anselm Reyle oder Michael Beutler mit einem Stab an Assistent*innen arbeiten, zu denen auch Köch*innen gehören konnten, doch war die Nennung dieser Personen nur bei Filmarbeiten gängig, bei denen im Abspann die Namen der Beteiligten genannt wurden und anhand der vielen Personen und ihrer mitunter fremdartigen Aufgabenbezeichnungen die Komplexität des Unterfangens deutlich wurde. In Ausstellungen ist diese Praxis des Sichtbarmachens des gesamten Teams dagegen neu – und zeigt gleichzeitig, wie sich künstlerische und kuratorische Praxen verändern. Sie ist ein Verweis auf die steigende Komplexität der Arbeiten und Ausstellungen, die nur noch im Team oder in Kooperationen zu bewältigen ist – sei es, weil es sich um Performances handelt wie bei Anne Imhoff, um Multimedia-Installationen wie bei Hito Steyerl oder um technisch hochaufwendige Verfahren wie bei Andreas Greiner. Das hat zur Folge, dass Rollen und Aufgaben ausdifferenziert werden und sich die Aufgaben der Künstler*innen hin ins Management, ins leitende und organisatorische verschieben, während gleichzeitig neue Jobs als Studioleitung oder im Produktionsmanagement entstehen – und auch eine Chefin de Cuisine heutzutage zum Team gehört (wie in der Ausstellung von Katharina Grosse im Hamburger Bahnhof). Je nachdem wie hierarchisch diese Arbeitskonstellationen aufgebaut sind (und je nach Kontrollzwang der Künstler*innen) kann sie sich wertschätzend oder ausbeuterisch anfühlen. Auch der Nennung des Namens ist eine Ambivalenz eingeschrieben, denn sorgt sie einerseits für Sichtbarkeit, kann sie andererseits auch eine Festschreibung der Assistenten-Rolle bedeuten, die – ist man selber Künstler*in – nicht unproblematisch ist.

Es ist interessant, was dabei für Formulierungen und Aufgabenbezeichnungen gewählt werden. Was ist wohl mit ´Beobachtung` gemeint, für die sich Hito Steyerl verantwortlich zeigt und was bedeutet ´inspiriert von`? Was ist der Unterschied zwischen ´mit` und ´entwickelt mit` bei Anne Imhof? Meiner Meinung nach erfährt man aus diesen Listen nicht nur einiges über die künstlerischen Arbeiten und die Künstler*innen/ Kurator*innen, sondern kann auch aktuelle Tendenzen im Kunstfeld (seine Öffnung zu künstlerischer Forschung, die Etablierung von Performances, die generelle Professionalisierung) herauslesen und bekommt zusätzlich einen Einblick in das dortige Sichtbarkeits- und Sagbarkeitsregime. So sagt die Reihenfolge, in welcher die Aufgaben und Namen genannt werden, viel über Netzwerke und Hierarchien im Feld aus. Und ob wohl noch einmal eine Marketingkampagne so ausführlich gefeatured wird wie bei der Berlin Biennale 2016, die vom New Yorker Kollektiv DIS kuratiert wurde?

 

 

Hito Steyerl: The Tower, 2015  (*1)

HD-Video, 3-Kanal Installation, Farbe, Ton; verschiedene Materialien
Produzent Oleksiy Radynski
Kamera Savas Boyraz
Drohnenflüge Hiwa Şew
Installation entwickelt mit David Riff & Nicolas Pelzer, Maximilian Schmoetzer
3D-Design und Postproduktion Maximilian Schmoetzer
Postproduktion und Grafikdesign Harry Sanderson
Offstimme Voha Pakholiuk
Technischer Direktor Christoph Manz
Musik Kassem Mosse, Lit Internet
Beobachtung Hito Steyerl
Inspiriert von Keller Easterling

 

Ed Atkins: Old Food, Martin Gropius Bau, 2017/2018  (*2)

Kuratorin Lisa Marei Schmidt
Studio Ed Atlkins Sonya Merutka
Ausstellungsmanagement Julia Badoljon
Mitartbeit Anna Polze, Hanna Potthast
Animationen und 3D Modellierung Adam Sinclair, Mikhail Polshaw
Infotafeln Contemporary Art Writing Daily
Musik „Extended Circular Music No. 2“ von Jürg Frey
Zusätzliche musikalische Elemente Rebecca Kressley
Kostüme Deutsche Oper Berlin
Medientechnische Ausstattung satis&fy AG
Ausstellungsarchitektur Studio Singer
Regalkonstruktion MBW Theater- und Veranstaltungs GmbH
Ausstellungseinrichtung EMArt

 

Andreas Greiner: Monument für die 308, 2016 [3D-Druck des Skeletts eines Hybridmasthuhns des Typus Ross 308 im Maßstab 20:1.]  (*3)

PLA (Polymilchsäure), Stahl, Holz
CT-Scan Radiologiezentrum am Kurfürstendamm 37 und Institut für Radiologie, Charité Universitätsmedizin Berlin
Datenvorbereitung MMM Medizinische Modellbau Manufaktur GmbH
3D-Druck ViNN Lab TH Wildau und BigRep GmbH
Tragekonstruktion Alexej Alschitz, Johannes Klever, Akihiro Yamamoto

 

Anne Imhof: Angst II, Hamburger Bahnhof, 2016  (*4)

mit Franziska Aigner, Billy Bultheel, Katja Cheraneva, Frances Chiaverini, Emma Daniel, Eliza Douglas, Josh Johnson, Mickey Mahar, Enad Marouf, Lea Welsch
in Zusammenarbeit mit Débora Cecília, Fernandes Teixeira, Sami Yan R Gottschalck, Thilo Konstantin Garus, Mark Willy Kellermann, Simon Ringo Lukas, Lukas Marschall, Theresa Patrizia Patzschke, Joel Leon Perreira
entwickelt mit Franziska Aigner, Billy Bultheel, Katja Cheraneva, Frances Chiaverini, Emma Daniel, Eliza Douglas, Josh Johnson, Mickey Mahar, Enad Marouf, Lea Welsch
Musik Billy Bultheel
Lieder Franziska Aigner, Eliza Douglas, Anne Imhof
Sound Design Billy Bultheel
Mastering Kitaro, Schnittstelle Berlin
Seiltänzerinnen Sarah Lindermayer, Aniko Serfözö
Drohnen Administrator Joeri Bultheel, Margarita Maximova
Falkner Lothar Ciesielski, Ilona Ciesielski, Kilian Karrasch, Falknerei Cologne
Fotographie Nadine Fraczkowski
Video Nathan Corbin, François Pisapia
Produktion José Segebre
Produktionsassistenz Laura Langer
Team Viviana Abelson, Bradley Davies, Rivkah Gevinson, Gina Henkel
kuratiert von Anna-Catharina Gebbers und Udo Kittelmann
Kuratorische Assistenz Alicia Scheibner

 

Not in the Berlin Biennale – Kommunikations- und Marketingkampagne der Berlin Biennale, 2016   (*5)

Fotografie Roe Ethridge
Kreativdirektor Babak Radboy
In Zusammenarbeit mit Chris Kraus
Styling Avena Gallagher
Lichtdesign Christopher Bisagni for Christopher Bisagni
Studio Set-Design Andy Harmann (Lalaland)
Casting-Direktor Spencer Morgan Taylor (HARBRINGER)
Produktion Spencer Morgan Taylor
Make-Up Kanako Takase (Tim Howard Management)
Haare Shinya Nakagawa (Artlist NY)
Digitaltechniker Jonathan Nesteruk
Lichtassistent Brent Lee
Fotoassistent Will Engelhardt
Styling-Assistenten BrynTaubensee, JayJay Lansang, David Moses, Patric diCapri
Streetcasting Ada O`Higgins und Camilla Venturini
Set-Design-Assistenten Samuel Farrier, Nicolas Jenkins, Alex Romanoski
Make-Up-Assistenten Kento Utsobo, Megumi Onishi
Assistentin Haare Noelle Chen
Studio ROOT Studios
Equipment ROOT Studios
Catering Monterone
DIS Magazine Assistentinnen Ada O`Higgins, Anna Teterkina
Models in der Reihenfolge ihres Auftritts …

 

Katharina Grosse: It Wasn’t Us, Hamburger Bahnhof, 2010/2021  (*6)

Studio Katharina Grosse
Produktionsteam
Künstlerin Katharina Grosse
Technische Leitung Hans Grosse
Leitung Modelle und Polyststrol-Schnitt Arne Schreiber
Team Polystrol-Schnitt Lukasz Furs, William Nicholson
Leitung Airless Farbsprühsystem Marco Funke, Marc Märzhäuser, Romin Walter
Team Airless Farbsprühsystem Julia Eichler, Annika Kleist, Gabrielle Vitollo
Leitung Studio Natalija Martinovic
Leitung Werkstatt Simon Menner
Produktion und Content Kristin Rieber
Leitung Büro Katrin Kramer
Assistenz Werkstatt Anja Schörer
Archiv und soziale Medien Theresa Martinat
Haushaltsführung Monika Ignasiak
Chef de Cuisine Helen Russell Brown

…….

1.) Angaben aus dem Katalog.

2.) Wandtext.

3.) Im Rahmen der Ausstellung Andreas Greiner: Agentur der Exponenten, Gasag Kunstpreis, Berlinische Galerie 2016. Die Angaben sind dem Infozettel entnommen.

4.) Im Rahmen der Berlin Biennale 2016. Die Angaben sind dem Infozettel entnommen.

5.) Angaben aus dem Katalog.

6.) Wandtext.