Care – Eine Annäherung in drei Schritten

19-04-2021 / Anna-Lena Wenzel

„Vielleicht ist es das, was wir retten müssen in die Zeit danach: die Praxis der politischen Kritik, aber eben auch die Lust am Ausprobieren neuer, anderer Formen der Gemeinschaft. Vielleicht ist es das, was wir aufbewahren müssen von diesem Jahr, die Erfahrung der wechselseitigen Verwundbarkeit und der unbedingten, kostbaren Solidarität. Vielleicht ist es das, was bleiben muss, die Aufmerksamkeit für die internationalen Verbindungen. Vielleicht ist es das, was wir nicht vergessen dürfen, dass diese Pandemie eben auch eine historische Schwelle bedeutet, aus der sich großzügiger, inklusiver, gerechter, leidenschaftlicher als Gesellschaft hervorgehen lässt.“ (1) Carolin Emcke 

Das Thema Care brummt im Kunstfeld: Das M1 in Hohenlockstedt (2020) und The Watch (2021) in Berlin haben es zum Jahresthema erhoben und Stipendienprogramme unter dem Thema ausgeschrieben. Der Kunstverein Harburg veranstaltet Vitrinenausstellungen und einen Podcast, um „Feminismus, Care und Freundschaft“ zu verhandeln. Die 11. Berlin Biennale und der Kunstverein Hildesheim widmen ihm ganze Ausstellungen und stellen Positionen aus, die sich inhaltlich und strukturell mit ihm befassen, wobei auffällig, jedoch wenig überraschend, ist, dass sich vor allem Frauen und queere Menschen diesem Thema widmen.

Bei beiden Institutionen letzteren war die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe eingeladen, ihr Archiv zur Gesundheitsbewegung zu zeigen und aktuellen Zusammenschlüssen Raum zu geben. Sie beleuchtet damit einerseits die Anfänge der westdeutschen Gesundheitsbewegung in den 1980er Jahren und bringt andererseits aktuelle Auseinandersetzungen mit dem Thema Care in die Kunstinstitutionen – inklusive der Sensibilisierung für barrierefreie Zugänge, Kinderbetreuungsangebote und solidarisches Miteinandersein in der Krise (Encountering Each Other in Crises).

Ein wichtiger Referenzpunkt sind Texte der Künstler*in und Musiker*in Johanna Hedva, in denen sie* aus radikal subjektiver Perspektive über ihre eigenen chronischen Krankheiten schreibt, wobei es sowohl um die Einschränkungen geht, die damit verbunden sind, als auch darum, welch revolutionäres Potential im Kranksein liegt. Sick Woman Theory endet mit der Vision, dass durch eine Solidarisierung der Menschen, die an Krankheiten leiden, der Kapitalismus lahm gelegt werden könnte: „Aufeinander und auf sich selbst achtzugeben, ist der antikapitalistischste Protest, den es gibt. Die Verletzlichkeit und Fragilität und Prekarität von einander ernst zu nehmen und anzuerkennen, uns zu unterstützen, anzuerkennen und zu stärken. Einander zu beschützen, Gemeinschaft zu kreieren und zu praktizieren. Eine radikale Verwandtschaft, eine Gemeinschaft wechselseitiger Abhängigkeit, eine Politik der Care.“  (2) Zwar scheint es bis dahin noch ein weiter Weg zu sein, doch schon die Sichtbarmachung der Perspektive von „kranken“ Menschen und die Sensibilisierung für ihre Diskriminierungserfahrungen sind wichtig – und in Zeiten der Corona-Pandemie brandaktuell! Denn plötzlich haben wir alle verwundbare Körper und fühlen uns von einer Krankheit bedroht – einer Krankheit, die tödlich enden kann, die weltweit das öffentliche Leben lahm gelegt hat und deren Folgen für die Wirtschaft und das soziale Miteinander erheblich, wenn auch noch nicht in Gänze absehbar sind. Doch schon jetzt ist klar: Die bedrohliche Gefahr des Erkrankens verrückt das Selbstverständnis derjenigen, die nicht durch ihre chronischen Erkrankungen wissen, was es bedeutet, dauerhaft beeinträchtig zu sein und deswegen diskriminiert zu werden. Und sie hat gezeigt, dass auch Politiker wie Donald Trump, Boris Johnson oder Jens Spahn krank werden können, dass sie nicht unantastbar, sondern fragil und auf Care-Arbeit angewiesen sind. Als diese Beobachtung zu einem Gedanken reift, wird mir plötzlich klar, dass Politiker*innen wie Wolfgang Schäuble, Malu Dreyer oder Manuela Schwesig schon lange Zeugnis davon ablegen, dass man, obwohl man an einer Krankheit oder einer körperlichen Beeinträchtigung leidet, eine öffentliche Person sein kann. Sie sind der Beweis dafür, dass sich Kranksein, Berufstätigsein und Führungsqualitäten nicht ausschließen und das es Zeit wäre, Gesund-Sein als Standard, als Status Quo zu hinterfragen. Von hier ist es nur ein kleiner Schritt, um die Erfahrung des Krankseins, des Heraustretens aus den üblichen Geschwindigkeiten, Wegen, Erwartungen nicht als Defizit, sondern als Kompetenz zu betrachten. Und um offener über Ableismus, also der Benachteiligung aufgrund körperlicher oder mentaler Fähigkeiten zu sprechen, dem sich die Protagonisten ausgesetzt sehen.

Ganz grundsätzlich zwingt die Corona-Pandemie zur Auseinandersetzung mit der eigenen körperlichen und seelischen Verwundbarkeit (wozu auch gehört, dass Politiker*innen eingestehen mussten, nicht zu wissen was in Anbetracht des dynamischen Geschehen und der historisch einmaligen Situation zu tun ist und Fehler gemacht zu haben). Sie ist zudem eine Übung in solidarischen, umsichtigen Miteinander. Denn es gilt die Schwächsten zu schützen, auch wenn den Menschen nicht immer auf der Stirn geschrieben steht, ob sie zu einer Risikogruppe gehören oder nicht. Dass Menschen rücksichtsvoll miteinander umgehen, dass zunächst Bedürfnisse geklärt werden, bevor man zusammenkommt, ist in feministischen und aktivistischen Kontexten schon lange Usus – und wurde nun zu einem gesellschaftlichen Standard, jedenfalls in der Theorie. Mir hat die Beobachtung, dass sich Dinge in diese Richtungen (des Verwundbarseindürfens und des Rücksichtnehmens) hin verschieben, optimistisch gestimmt in Bezug auf die Frage, was von der Corona-Pandemie bleiben wird. Sie rückt die Frage, wie sich Care stärker als gesellschaftliches Organisationskonzept und Arbeitsverständnis durchsetzen kann, noch stärker in den Fokus, in dem sie durch die Debatten um Gleichberechtigung eh schon ist. (3)

 

II.

Die Omnipräsenz des Themas war für mich Anlass über mein Verständnis von Care nachzudenken. Weil ich weder Kinder oder Angehörige pflegen muss, ist Carearbeit in diesen Zeiten vor allem wertschätzende Kommunikation, freundschaftliches Kümmern um psychisch labile Freund*innen, solidarische Unterstützung und Austausch unter Kolleg*innen. Weil Freiberufler*innen und Kulturschaffende zu denen gehören, die besonders unter der Situation leiden, nicht nur weil Einnahmen und Perspektiven weggebrochen sind, sondern auch weil Resonanzräume und Wertschätzung fehlen, ist hier besonders viel Bedarf. Es klingt wenig, aber hier fängt es an: sich darin zu unterstützen, nicht vor Alleinsein einzugehen, weil man als Alleinlebender Mensch keine anderen Menschen berühren darf (4), sich darauf zu besinnen, dass die künstlerischen Arbeitsweisen in diesen Zeiten helfen, die Situation zu bewältigen, auch wenn sie dadurch eher der Selbsthilfe dienen, als einen Auftrag zu erfüllen.

Care-Arbeit fängt für mich bei der Kommunikation an, damit, sich Zeit zu nehmen – und überhaupt zu antworten. Auch das klingt wenig, aber das Gefühl gesehen und gehört zu werden, kann eine große Wirkung entfalten, besonders in diesen schnelllebigen Wisch-und Weg-Zeiten. Dazu gehört, den Blick auf die Handlungsmöglichkeiten und potentiellen Räume zu lenken, statt sich im Aussichtslosen zu verrennen, in den Austausch zu kommen, statt sich (in einer sich selbst bestätigenden Bubble) zu verkriechen.

 

Meine Nachdenken über die Wertschätzung von Care-Arbeit wurde angeheizt durch die Erzählung einer Freundin, die bei einem Selbstfindungs-Workshop mitgemacht hat, bei dem es darum ging, zu benennen, welche der Tätigkeiten, die man macht, gesellschaftlich relevant sind, und für welche man bezahlt wird. Als ich mir klar machte, in welchem Nicht-Verhältnis diesen beiden Aspekte zueinander stehen, weil empowernde Kommunikation, das Raum-geben und Stimme-verleihen an diejenigen, die von Sicht-und Sagbarkeiten ausgeschlossen sind, genauso wie das verlangsamende aber rücksichtsvolle (und dadurch nachhaltigerer) Arbeiten in kollektiven Prozessen fast nirgendwo gesehen und entlohnt werden, werde ich immer wütender. Wie kann man sie sichtbar machen oder übersetzen, um sich im nächsten Schritt für eine angemessene (monetäre) Wertschätzung stark machen? Entscheidend scheinen mir zwei Bewegungen zu sein: eine Kritik der bestehenden Strukturen und eine gesteigerte Wertschätzung der eigenen Care-Arbeit, die nicht nur in Ausnahmefällen, im sogenannten Krankheitsfall, relevant ist, sondern immer.

 

III.

Die Dringlichkeit dieser Bewegungen wird mir umso klarer, als ich die Einladung zu einem Vortrag über „Unsichtbare Kunstwerke“ von einem mir bekannten Kurator bekomme. Als im Anschluss über die unterschiedlichen Bedeutungen des Unsichtbarkeitsbegriffs diskutiert wird, weise ich daraufhin, dass das Thema besonders aus weiblicher Perspektive brisant ist, weil sowohl eine Vielzahl von Künstler*innen als auch die Arbeit von Frauen im Kunstfeld historisch häufig unsichtbar geblieben sind. Der Care-Ansatz, der aktuell auch im Kunstfeld diskutiert wird, macht auf jene Ungleichheit aufmerksam und versucht das Verständnis von Care (z.B. in Bezug auf Produktions- und Teilnahmebedingungen) zu erweitern. Der Vortragende bedankt sich für den Hinweis und sagt, wenn ich dazu weitere Infos hätte, könne ich gerne mal bei ihm vorbeikommen. Nach mir meldet sich ein alter Bekannter des Vortragenden, ebenfalls Professor, nennt drei männliche Referenzen bzw. prahlt mit ausschließendem Fachwissen und der Vortragende sagt, danke, dich lade ich nächstes Jahr mal zum Vortrag ein! Erst im Nachhinein wird mir klar, wie sich in dieser Reaktion geschlechtsspezifische Muster reproduzieren: Ich werde nach Hause eingeladen und darf Wissen ohne Gegenleistung abliefern, während der Kollege ein öffentliches Forum bekommt. Ich bin fassungslos, dass die Diskussionen um die Anerkennung von Care-Arbeit gleichzeitig so präsent und dann doch wieder so ungesehen sind. Dass das nicht so bleibt, tja, darum kümmern wir uns!

 

(1) Carolin Emcke: Journal, Fischer, München 2021, S. 268.

(2) Johanna Hedva: Sick Woman Theory (2020)

(3) Vgl. dazu das Gespräch zwischen der Kuratorin des M1 Sascia Bailer und der Künstlerin Laura Mahlke im Rahmen von See U th3re im Kunstverein Harburger Bahnhof

(4) Eleanor Morgan: Lost touch: how a year without hugs affects our mental health, The Guardian, 24.1.2021

Vorschaubild: Inga Zimprich