Die Schlangenprinzen

26-01-2021 / Mitko Mitkov

Was die drei Schlangenprinzen aus dem Schlangenkönigreich auf ihren Reisen erlebten und wie sie zusammen in das Schlangenkönigreich heimkehrten

 

Zeichnung von Jonas Hinnerkort

 

  Es gab vor langer Zeit auf der Erde Dinge, die es vor langer Zeit gab. Damals lebten die Menschen, die damals lebten. Und vor langer Zeit lebten die Tiere, die vor langer Zeit auf der Erde lebten. Ein paar von den Dingen, die es vor langer Zeit gab, gibt es noch immer. Die Menschen, die damals lebten, leben heute nicht mehr. Auch manche Tiere, die vor langer Zeit auf die Erde lebten, leben heute nicht mehr. Aber manche Tiere leben noch immer und erzählen noch Geschichten von vor langer Zeit .

Es gibt Dinge, und es leben Menschen, und es leben Tiere und damals, vor langer langer Zeit, gab es ein Königreich. Das war ein Königreich auf einem Dreieck zwischen drei anderen Königreichen. Dieses Königreich war das Schlangenkönigreich und wurde von dem Schlangenkönig und der Schlangenkönigin geführt. Friedlich und weise regierten sie über das Schlangenvolk.

Eines Tages vor langer langer Zeit brachte die Schlangenkönigin drei Eier auf die Welt. Ein Ei war golden verziert, ein Ei war silbern befleckt und ein Ei war kupfern verschmiert. Die drei Eier brachten große Freude für König, Königin und Volk. Es gab ein großes Fest und alle Einwohner des Königreichs kamen zu diesem Fest – jung und alt, dumm und schlau, groß und klein, jeder für sich und alle zusammen. Alle aßen und tranken, alle feierten und sangen bis die drei Eier Risse in den Schalen bekamen. Dann gab es Stille und diese Stille dauerte lange und nach der langen Stille schlüpften eines Tages aus den drei Eiern die drei Schlangenprinzen.

Der eine Prinz war glänzend schwarz und schnell wie ein Schatten in der Nacht. Der andere Prinz war weiß und zierlich, und elegant wie keiner seinesgleichen. Der dritte Prinz war hübsch und die Sonne reflektierte von ihm in den vielen Farben, die es damals auf der Erde gab.

Die Schlangenprinzen wuchsen schnell und kräftig. Eines Tages entschied der Schlangenkönig, dass die Zeit gekommen war seine Kinder auf die Probe zu stellen. Der Schlangenkönig und die Schlangenkönigin sprachen lange, überlegten noch länger und entschieden sich die Prinzen auf eine lange Reisen zu schicken und falls sie von den Reisen heil zurückkämen, dürften sie das Schlangenkönigreich übernehmen und brüderlich regieren.
Da das Schlangenkönigreich sich auf einem Dreieck befand, war es auf den drei Seiten von drei anderen Königreichen umgegeben. Die drei Schlangenprinzen dürften jeweils eine Richtung wählen. Der schwarze Prinz kroch seitwärts nach links, der weiße Prinz kroch seitwärts nach rechts und der Prinz, deren Haut in allen Farben, die es damals gab reflektierte, kroch rückwärts. So trennten sie sich voneinander.
Nach sieben Tagen und sieben Nächten erreichte der schwarze Schlangenprinz ein fremdes Königreich. Kaum überquerte er die Grenze, überkam ihn ein muffiges Gefühl. In diesem Land war etwas falsch. Er kroch eine Weile seitwärts und traf eine alte Frau mit faulen Zähnen. Sie erklärte ihm, dass er sich im Königreich, wo das Wasser rückwärts fließt, befand.

„Mein Sohn,“ – lispelte die alte Frau durch ihre trockenen Lippen – „hier fließt das Wasser immer rückwärts und immer haben wir Durst. Hier sehnt sich jede Kehle nach einem Tröpfchen kaltem Wasser. Bitte, hilf uns und drehe das Wasser um. Schaffst du es, gehört dir dieses Königreich und seine Schätze. Schaffst du es aber nicht, musst du hier in der Ewigkeit verdursten.“
Schön und glänzend-schwarz war der Schlangenprinz und ließ sich von nichts abschrecken. Da er auch der schnellste war, machte er sich direkt an die Arbeit. Je schneller er gegen das Wasser kämpfte, desto schneller floss das Wasser rückwärts. Sieben Tage und Sieben Nächte kämpften sie, aber am Ende floss das Wasser weiterhin rückwärts. So musste der schwarzen Schlangenprinz im Königreich, wo das Wasser immer rückwärts fließt, allmählich verdursten.

Vierzehn Tagen und vierzehn Nächten kroch der weiße Schlangenprinz in die andere Richtung bis er ein fremdes Königreich erreichte. Kaum trat er auf das unbekannte Land, ließ ihn ein kalter Luftzug zucken. Der Prinz kroch für eine Weile weiter, bis er einen alten Mann mit transparenter weißer Haut traf. Der alte Mann sprach mit zitterigen weißen Lippen: „Mein Sohn, hier ist das Königreich, wo das Licht sich in sich selbst zurückgezogen hat. Hier wächst nie etwas, und wir sind alle immer blass und uns ist immer kalt. Bitte, hilf uns und bringt das Licht zurück zu uns. Du wirst sehr reich dafür belohnt. Schaffst du es aber nicht, musst du für immer hier in Kälte leben.“
Elegant und glänzend-weiß war der Schlangenprinz und von ihm strahlte eine sanfte Wärme aus. So entschied er sich zu helfen und stürzte sich tapfer in den Kampf mit dem Licht, das sich in sich zurückgezogen hat. Vierzehn Tage und vierzehn Nächte kämpften sie, aber am Ende blieb das Licht in sich selbst zurückgezogen. So wurde der weiße Schlangenprinz in der Kälte des Königreichs, wo das Licht sich in sich selbst zurückgezogen hat, gefangen.

Zeit verging und Dinge passierten und zwei von den Schlangenprinzen blieben in fremden Ländern gefangen. Währenddessen kroch der dritte Schlangenprinz rückwärts und seine Schuppen, glatt und fest, reflektierten in jeder Farbe, die es damals gab. Einundzwanzig Tage und einundzwanzig Nächte kroch der Schlangenprinz und erreichte ein Land, das warm und freundlich war. So kroch er rückwärts weiter bis er zwei Hügel erreichte. Zwischen den Hügeln erhob sich der große Kopf eines traurigen Kindes und das Kind sprach mit sanfter Stimme: „Lieber Prinz, was suchst du hier, wo niemand nimmer kommt? Ich bin so einsam und allein.“
Und so erfuhr der Schlangenprinz, dass dieses Königreich ein großes Kind ist und entschied sich das Kind mit sich nach Hause zu nehmen. Er kroch auf einen der beiden Hügel, die die Schulter des Kindes waren, und das Kind erhob sich von der Erde.
Bevor sie sich auf dem Weg zu dem Schlangenkönigreich machten, wollte aber der Schlangenprinz, deren Haut in jeder Farbe, die es damals gab reflektierte, noch seine Brüder aufsuchen.
Mit einem Schritt war das große Kind in dem Königreich, wo das Wasser rückwärts floss. Da fanden sie den schwarzen Schlangenprinz, der faltig und träge vor Durst um die Füsse der alten Frau kroch. Das Kind schnipste mit der linken Hand und die alte Frau, die eine böse Magierin war und mit dunklen Kräften das Wasser rückwärts laufen ließ, löste sich in dem Fluss mit kaltem Wasser auf. Der schwarze Prinz war gerettet und das Königreich, in dem das Wasser nie mehr rückwärts fließt, war endlich frei.
Mit einem zweiten Schritt war das große Kind in dem Königreich, wo das Licht sich in sich selbst zurückgezogen hat. Da fanden sie den weißen Schlangenprinz, der seinen Glanz und Schönheit längst verloren hatte und um den Hals des alten Mannes hing. Das Kind schnipste mit dem rechten Hand und der alten Mann, der einer böser Magier war und mit düsteren Gedanken das Licht in sich zurückkehren ließ, zerbrach in tausende Lichtflecke. So wurde der weiße Prinz gerettet und das Königreich, wo das Licht aus sich selbst heraustrat, frei.

Die drei Schlangenprinzen wurden wieder vereint und machten sich auf dem Weg nach Hause, getragen auf den Schultern des großen Kindes, das ein einziges großes Königreich war. Und so groß wie das Kind, das ein einziges großes Königreich war, war damals vor langer Zeit auch die Freude des Schlangenkönigs und der Schlangenkönigin und des Schlangenvolkes als die Schlangenprinzen auf den Schultern des Kindes durch die Tore des Königreichs heimkehrten.