Eva in der Wanne – oder wie ich lernte das Selfie zu lieben

13-12-2015 / Wuerm

Bei der Oscarverleihung 2014 entsteht ein Foto, welches auf Twitter gepostet innerhalb von vier Stunden mit 2,3 Millionen erreichten Retweets den bisherigen Rekord-Tweet Inhaber Barack Obama vom Thron stößt. 

"If only Bradley‘s arm was longer. Best photo ever. #oscars"

Das Foto zeigt die Moderatorin Ellen DeGeneres umgeben von hochkarätigen Schauspielern wie Brad Pitt, Meryl Streep und Julia Roberts. Am Auslöser, mit Ellens Smartphone in der Hand befindet sich Bradley Cooper, Meryl Streeps Arm sei wohl zu kurz gewesen, heißt es später. Das Foto mit den vielen prominenten Gesichtern ist das, was seit einiger Zeit im Sprachgebrauch unter dem Begriff „Selfie“ gehandelt wird: ein Selbstportrait, meist mit dem Smartphone geschossen, meist ziemlich spontan, oder zumindest spontan-wirkend und häufig direkt für die Benutzung in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Co bestimmt.
Laut der deutschen Wikipedia lässt sich die früheste Verwendung des Wortes im Jahr 2002 in einem australischen Internet-Forum nachweisen. 2004 erscheint es als „Hashtag“ auf der Fotoplattform „Flickr“ und taucht ein weiteres Jahr später in einem englischsprachigen Lexikon für Fotografie auf. Es sollte noch weitere 10 Jahre dauern, bis es wirklich laut um Begriff und Bild wurde: Selfie wird Wort des Jahres und das Oxford Dictionary nimmt es in seine Buchseiten auf.
Von da an geht mit dem Hype ums Selbstportrait alles ganz schnell. Es gibt Belfies (mit Fokus auf das Hinterteil), Suglies (besonders unansehnliche Portraits), Welfies (beim Work-out), Drelfies (im betrunkenen Zustand) und viele mehr. Stimmen werden laut, ob der Zunahme des Selbstbezugs junger Menschen, Stars werden zu ihren eigenen Paparazzi, das Projekt Selfiecity entsteht und untersucht Posen sowie Ausdruck in verschieden Metropolen und im April 2015 trafen sich Wissenschaftler zu einer interdisziplinären Tagung an der Philipps-Universität Marburg um das Phänomen von allen Seiten auszuleuchten.

Was macht das Selbstportrait nun also zum Selfie? Sind wir wirklich eine Generation like-gesteuerter Narzissten, bereit für Kommunikation und Anerkennung den Raum der geschützten Privatssphäre aufzugeben? Welchem Wandel unterliegt die Öffentlichkeit durch die Präsenz des social networking und wie positioniert man sich in einer Gesellschaft, die immer mehr dargestellte Intimitäten im Außen fordert?

Fotografische Selbstportraits gibt es ungefähr so lange wie die Fotografie. So richtet die russische Prinzessin Anastasia 1914 eine Kamera Richtung Spiegel – und dort gespiegelt – auf sich selbst. Eine derart früh zu datierende Selbstaufnahme ist kein Einzelfall, aber erst ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Erschwinglichkeit kleinerer Spiegelreflexkameras tauchen solche Bilder, bei denen der Spiegel als Hilfsmittel gebraucht wird, vermehrt auf. John Lennon beispielsweise schien ein großes Interesse daran gehabt zu haben, die Linse immer wieder auf sich selbst zu richten. Allerdings handelt es sich hierbei um Spiele und Experimente, deren Ergebnisse nicht unbedingt im Fotoalbum oder auf dem Kaminsims landeten.

 

Anastasia Nikolaevna Romanova, 1914

 

Mit der Digitalisierung der Fotografie wird in Form von preiswerten Kompaktkameras der Zugang zum Medium nochmals erleichtert. Auch bei den daraus resultierenden Selbstaufnahmen findet der Spiegel seine Verwendung als Hilfsmittel, allerdings lassen die kleinen, handlichen Kameras erstmals zu die Linse aus der Hand heraus auf sich selbst zu richten und, wenn auch meist ein ungewolltes Stück Arm mit im Bild landet, schnell ein Porträt von sich zu schießen.
Eine weitere Rolle im Siegeszug der Selbstdokumentation kommt der Webcam zu, welche durch Hilfe eines Selbstauslösers Abstandnahme und Posen erleichtert und zusätzlich das potentielle Ergebnis live auf dem Bildschirm betrachten lässt.
Den letzten Schritt zur Vermassung des Selbstportraits beschreitet das Smartphone. 2010 erscheint das Iphone 4s, welches als erstes auf dem Markt befindliche Handy 2 integrierte Kameras vorweisen kann. Die eine wie gewohnt auf der Rückseite des Handys und die andere oberhalb des Displays. Damit bietet das Handy eine Funktion, welche direkt auf das Schießen von Selbstportraits ausgelegt ist und ebenso, wie der Bildschirm des Computers, eine direkte Kontrolle des eigenen Aussehens zulässt.
Das neue am Selfie, im Gegensatz zur früheren Portraitfotografie (bei welcher auch schon kräftig und bei weitem theatralischer inszeniert wurde) sei der mediale Rahmen äußert sich die Medienwissenschaftlerin Dr. Ulla Autenrieth in einem Radiobeitrag (1). In den sozialen Netzwerken stünde das Bild niemals nur für sich, sondern sei stets an die darauf folgende Kommunikation gebunden und müsse in eben diesem Rahmen betrachtet werden.

I like.

Die ständige Präsenz der eingebauten Kamera im Smartphone und die vielfältigen Wege der sofortigen Veröffentlichung per App führen in den sozialen Netzwerken zu einer Flut von Bildern, welche die Kommunikation von einer zuvor hauptsächlich Schriftlichen in eine Visuelle überführen. So ist das Netzwerk Instagram darauf ausgelegt, und funktioniert nur, über das Posten von Bildinhalten via App direkt vom Smartphone. Erst im Anschluss können diese Fotos geliked und kurz kommentiert werden, der hauptsächliche Träger der Kommunikation und vor allem ihr Initiator jedoch bleibt die Fotografie selbst. Inmitten dieser Bilderflut schwimmen sie nun, die unzähligen Selfies. Und auch, wenn es manches Mal unendlich viele zu sein scheinen, sind nur 3-4% der geposteten Bilder eben solche, wie das Projekt Selfiecity in seinen Auswertungen feststellte (2).

Diese Bilder, welche an die Öffentlichkeit gelangen, unterliegen Filtern und Auswahlverfahren, so spontan sie teilweise auch wirken.
Das Auge der Webcam bietet nicht nur die Freiheit des Abstands, sondern ist darüber hinaus meistens an den privaten Wohnraum gebunden in dem unbeobachtet so lange fotografiert werden kann bis der richtige Schuss gefunden ist. Für das Smartphone gilt innerhalb der eigenen vier Wände das Gleiche, allerdings ist das Gerät selbst an die auslösende Hand gebunden. Ein Stück dieser Freiheit geht verloren sobald man sich unter Freunden oder gar im öffentlichen Raum mit Selfie Stick vor einem Denkmal befindet.
„Als menschliche Wesen sind wir allem Anschein nach Kreaturen mit variablen Impulsen, mit Stimmungen und Energien, die sich von einem Augenblick zum nächsten verändern. Als Persönlichkeiten vor einem Publikum dürfen wir uns jedoch nicht unseren Hoch- und Tiefpunkten hingeben. (…) Eine gewisse Reglementierung des Geistes wird erwartet, so daß man sich darauf verlassen kann, daß wir jederzeit eine vollständig homogene Darstellung bieten.“ (3)
Wenn wir uns im öffentlichen Raum bewegen werden wir beständig dazu gebracht uns gewissen Regeln zu unterwerfen und Rollen einzunehmen. Dieser Sozialisierungsprozeß verwandle nicht nur, er fixiere auch. (4) Insofern wäre es wohl den meisten Menschen, selbst beim noch so starken Wunsch nach dem perfekten Bild, unangenehm unter den Blicken anderer an die 200 Versuche zu unternehmen. Um die Öffentlichkeit des Internets ist es wiederum etwas anders bestellt. Darstellung und Kontrolle unterliegen hier ihren ganz eigenen Möglichkeiten.
 
„Die Welt des 18. Jahrhunderts ist ein theatrum mundi.“ schreibt der Philosoph Byung Chul Han. Der öffentliche Raum gleiche dort einer Bühne, während in der Moderne diese theatralische Distanz zunehmend zugunsten der Intimität aufgegeben werde. „Das Theater ist ein Ort der Expressionen. (…) Daher werden sie (die Gefühle) dargestellt und nicht ausgestellt. (…) So weicht heute die theatralische Darstellung der pornografischen Ausstellung.“ (5) 
Diese Gedanken knüpfen an Beschreibungen an, welche der Soziologe Richard Sennett in Bezug auf den Verfall des öffentlichen Lebens seit dem Zeitalter der Aufklärung vorgenommen hat. Dieses habe im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Industriekapitalismus eine Krise durchlebt nach welcher wir heute mit einem „Paradoxon von Sichtbarkeit und Isolation“ zu kämpfen haben. (6) Unter anderem seien „unwillkürliche Charakterenthüllung“ und „Überlagerung der öffentlichen Sphäre durch die private Vorstellungswelt“ Hinterlassenschaften dieses Verfalls. (7)

Der Kollaps des Verständnisses von Distanz gegenüber dem Anderen, von dem entweder Intimitäten oder absolutes Schweigen verlangt werden, bringt uns dazu die Intimiät zu Inszenieren und im Öffentlichen die eigene Person zu veröffentlichen. Austausch und Interesse sind an ausgestellte Privatheit gebunden. Dies muss nicht zwingend die Aufgabe der Privatssphäre mit sich bringen denn auch ein anonymes Publikum kann auf anonyme Intimität reagieren. Während bei Facebook in den meisten Fällen sicher noch die Regeln und Rollen gelten, welche man sich beim Verlassen des Privatraumes und im Umgang mit Freunden und Bekannten zuweist (denn eben diese stellen dort üblicherweise das Netz an Kontakten) eröffnen andere Seiten dem Darsteller auch andere Freiheiten und diese spiegeln sich, nicht zuletzt, im Selfie.
So zeigt sich die Tumblr-Nutzerin Oleanderbaby in der Badewanne oder nur mit Unterwäsche bekleidet. „Eva. 19. Toronto“ mehr gibt es nicht zu erfahren. Nur ihre Selfies und ein paar selbst verfasste Zeilen, die einen Zustand zwischen wütend und resigniert gegenüber dem Leben durchblitzen lassen, bleiben zugänglich. (Einen Instagram Account besitzt sie auch, allerdings ist dieser privat gestellt und nicht öffentlich zugänglich.) Ihren Tumblr Posts sind Likes und Aufmerksamkeit einer anonymen Masse sicher, was die Isolation aufzubrechen scheint und den Ausstellungsdrang des selbst definierten Ichs weiter vorantreibt.

Selfies deren Intention in der Anerkennung durch andere, unbekannte Fremde mit ähnlichen Interessen liegt sind keine Seltenheit. So fehlt beispielsweise bei Fitness-Selfies, einer Darstellung des eigenen, getrimmten Körpers, veröffentlicht auf Instagram oder in eigens dafür vorgesehen Foren, häufig das Gesicht des Fotografen. Hier gehen Entblößung und Versteckspiel, Schutz der wirklichen, privaten Person, eine Verbindung ein, denn das Internet stellt jenen Raum, welcher zulässt sich darzustellen, Anerkennung zu gewinnen und trotzdem nicht der Gefahr zu unterlaufen im Außen mit der preisgegebenen Intimität identifiziert zu werden, sprich die Rolle der öffentlichen Person, der Inszenierung im wahren Leben, zu wahren. „Informationelle Privatheit“ nennt Beate Rössler die Kontrolle über das Wissen (der Anderen) über die eigene Person. (8) Der Schutz eben dieser sei „deshalb so wichtig für Personen, weil es für ihr Selbstverständnis als autonome Personen konstitutiv ist, (...) Kontrolle über ihre Selbstdarstellung zu haben.“ und weiter „Ohne diese Form der selbstbestimmten Kontrolle darüber (...), wäre die selbstgewählte Unterschiedlichkeit von Beziehungen nicht möglich (...)“ (9)
Was in der Preisgabe von Intimität unangenehme Folgen mit sich bringen könnte wird entschärft und die Ausstellung des absolut Innersten ermöglicht - ein absolut Innerstes, was nicht selten den eigenen Wünschen der Darstellung entspricht, aber nur schwer seinen Platz zur Darstellung im Realraum fände. Mag die Krise der Öffentlichkeit es mit sich gebracht haben im Selbstoptimierungszwang das Intimste nach Außen zu kehren, oder das Optimalste zum Intimsten zu machen, um es nach außen zu kehren; die informationelle Privatheit ist geschützt, die Kontrolle der eigenen Darstellung im Internet gegeben. Es ist das Optimalste, das zum Intimsten gemacht werden kann. 
So äußerte sich auch Dr. Autenrieth dahingehend weiter, dass man nicht denken dürfe die Jugendlichen wären völlig unreflektiert, sondern durchaus im Bewusstsein, dass die Bilder welche online gestellt werden, wandern können. Dadurch entstehe eine intelligente Weise die Angriffsfläche auf die Person zu reduzieren und eine kompetente Selbstdarstellung abzuliefern. Diese wiederum werde nicht nur vorgelebt, es sei auch gesellschaftlich immer mehr gefordert sich als Marke zu inszenieren (Stichwort „Casting-Gesellschaft“) und der Erfolg also von der Darstellung abhängig.
„Die Verabsolutierung des Ausstellungswertes äußert sich als Tyrannei der Sichtbarkeit. Problematisch ist nicht die Zunahme von Bildern an sich, sondern der ikonische Zwang zum Bild zu werden. Alles muss sichtbar werden. Der Imperativ der Transparenz verdächtigt alles, was sich nicht der Sichtbarkeit unterwirft. Darin besteht ihre Gewalt“ (10)
Stars benutzen nicht selten Selfies, um ein Image herzustellen, welches dem entspricht, was sie ihren Fans sein wollen und gleichzeitig verspricht einer vollkommenen Authentizität zu entspringen. Als im Herbst 2014 die Internetplattformen 4chan und Reddit mit einer Welle von Nacktfotos weiblicher Promis überschwemmt werden, sorgte das bei einigen Fans für Entrüstung, wenn sich auch ihr „Star“ auf eine solche Weise selbst portraitiert. Die Selfies wurden durch einen groß angelegten Hackerangriff direkt von den Smartphones der Opfer gezogen und sofort im Netz verbreitet. (Betroffen davon war unter anderem der neue Stern am Hollywood-Himmel; Jennifer Lawrence, siehe Abbildung 1, die erste Dame von links.) Der Vorfall war nicht erster seiner Art und immer wieder werden die Angreifer fündig. Welcher Intention diese Aufnahmen auch unterlagen, zumindest sollten sie im Privaten Rahmen verweilen. Das mit dem Verfall der Öffentlichkeit gesteigerte Interesse an der Intimität von Personen fordert also gleichzeitig das absolute Rollenspiel innerhalb dieser Intimität.
Die Wahrnehmung des Fremden, im Sinne eines Anderen kollabiert unter dem Diktat des „I like“. Das schnell ausgesprochene Geschmacksurteil filtert die unzähligen Inhalte des Internets nach Interessen. Es entsteht ein „absoluter Nahraum, in dem das Außen eliminiert ist.“ (11)

Byung Chul Hans Ansichten des Digitalen scheinen nicht gerade gute Diagnosen für unsere Gesellschaft zu beinhalten, welche in digitalen Wahlverwandschaften ihr kritisches Bewusstsein abschafft. Eine ewige Bestätigung, des eigenen, immergleichen, also? Und was sind sie dann, unsere Selfies?
„Die visuelle Kommunikation vollzieht sich heute als Ansteckung, Abreaktion oder Reflex. Ihr fehlt jede ästhetische Reflexion. (...) Die mit dem Ausstellungswert angefüllten Bilder weisen keine Komplexität auf. Sie sind eindeutig, d.h. pornografisch.“ (12) Und im eingangs bereits erwähnten Radiobeitrag heißt es von Gabi Beck: „Klar ist es natürlich, dass Mädels und Frauen auch gerne bewundert werden wollen, Jungs und Männer übrigens genauso. Diese Tatsache ist so alt, wie die Menschen selbst. Allerdings gibt uns das Internet erstmals die Möglichkeit eine komplette Parallelwelt aufzubauen.“
So weit, so gut. Das unsere Gesellschaft das Selbst als Projekt fordert, als Marke, ist nicht neu und eine Tendenz mit der sich in jedem Fall immer wieder kritisch befasst werden muss. Das gerade das Internet den perfekten Ort bietet, um eben dieses Selbstprojekt im optimalsten Licht zu präsentieren wurde bereits erläutert, womit wir uns nun endlich in die Gefilde des Narzissmus-Vorwurfs begeben.
Tod durch Ertrinken im eigenen Spiegelbild heißt es für Narziss, aber er sucht keine Bestätigung des Bildes, welches er von sich selbst hat und das ihm zur größten Liebe wird. Vielleicht lässt sich die Geschichte des I like im Sinne eines Spiegels betrachten; das Erschaffen eines Ebenbildes im Gleichen des Anderen und damit nur die Begegnung mit sich selbst. Allerdings muss das Phänomen auch nicht ganz so hoffnungslos dargestellt und beurteilt werden. Wie Dr. Ruchatz, einer der Initiatoren der Konferenz an der Philipps-Universität Marburg, sich äußerte: „Früher galt das Fernsehen generell als gefährlich und bedrohlich, heute ist es das Internet.“ (13) In seinen Augen greifen die Vorwürfe zu kurz und sind auch nicht neu. „Ich glaube aber nicht, dass jeder der Selfies macht, besonders selbstverliebt ist. Mit Selfies will man in Kommunikation treten. Es ist eine Aufforderung zur Unterhaltung. Außerdem gehört sich selbst zu zeigen zur Individualität. Es ist nicht so pathologisch, wie einige meinen.“ (14)
Ein Selbstportrait anzufertigen und zu teilen entspringt oftmals dem Wunsch eine Situation oder Stimmung zu beschreiben, in welcher man sich befindet. Auf diese Art kann man ins Gespräch kommen und gerade dank der neueren Technik ist es möglich sich auf eine schnelle, unmittelbare Weise auszudrücken. Das kann im Rahmen eines privat-eingestellten Facebook Profils stattfinden, wie auch bei einem Mädchen, das sich mit voller Absicht im öffentlichen Raum des Internets in der Badewanne zeigt. Das Bild wird zu einer Nachricht und ich würde behaupten, das sehr häufig nicht das abgelichtete Selbst Inhalt dieser Mitteilung ist. Eine der kollektiven Selfie-Wellen, welche durch die Weiten des Netzes zog ist das „Catbeard-Selfie“. Richtig, genau das; ein Selfie mit Bart aus Katze. Wer auch immer als erster die Idee hatte, Unzählige übernahmen sie (ganz ohne Urheberrechtsstreit). Hier ist das eigene Gesicht Gestaltungsmittel. Man möchte Teil sein, an einem großen Witz, und jeder (vorrausgesetzt er hält sich eine Katze und besitzt die nötige Technik) bekommt dazu die Möglichkeit. Es gibt mehrere solcher Späße, welche sich durch die Weiten des Internets ziehen und wohl kaum etwas mit Narzissmus zu tun haben. Das Selfie ist ein Phänomen, bedingt durch die Beschaffenheit des world wide web und technische Errungenschaften. Es ist ganz natürlich, dass sich Beispiele finden, welche tendenziell narzisstischer Natur sind und eine gewisse Selbstverliebtheit bezeugen („Das ist mein Wahnsinns-Body und ich werde ihn euch nicht vorenthalten“) und es ist nicht abzustreiten, dass das Selfie Möglichkeiten bietet, welche narzisstischen Tendenzen entgegenkommen. Trotzdem lassen sich eben auch solche Beispiele finden, die der Kommunikation dienen und Freunden eine Geschichte erzählen („Gestern war ich auf dem Tokyo-Tower“), etwas dokumentieren oder, wie beim Catbeard, einfach Teil von etwas sind. Wie auch immer das Selbstportrait sich von Fall zu Fall zeigen mag; es ist inszeniert und genau das ist menschlich, denn die Aufgabe der Inszenierung brächte den Verlust eben jener „informationellen Privatheit“ mit sich.

 

Eva in der Wanne

 

Gerade bezichtigte ich Eva, sich mit voller Absicht badend der Öffentlichkeit zu zeigen. Genau hier sehe ich einen springenden Punkt mit dem ich abschließen möchte. Das Selfie hat seine Relevanz. Es unterstützt Entwicklungen, welche in der Lage sind sich gegen die häufig als negativ prognostizierten, gesellschaftlichen Vorgänge zu stellen und über sie zu reflektieren. Eva ist bewusst, was sie da tut, sie treibt das Spiel mit der Kamera auf die Spitze. Sie zeigt sich nackt, während sie es satt hat die Rolle des Mädchens zu spielen.
„people want to possess you, like an object to be won, a trophy to be earned, or just something to stick yourself into, never appreciated, never understood.“ (15) 
Sie bezeichnet sich als tragisches, bemitleidenswertes Chaos (16), schreibt von grenzenloser Wut gegenüber einer oberflächlichen Gesellschaft (17) - und posiert sexy, lasziv und pornografisch vor der Webcam. Dass sie eine große Wut in sich trägt und offensichtlich mit einigem zu kämpfen hat, soll hier nicht Thema sein. Immerhin ist sie genau darüber reflektiert genug sich aufzubäumen, indem sie mit Zuhilfenahme ihres Gesichts alles in die Öffentlichkeit schleudert. Es ist die Reaktion auf das Verlangen  nach Oberflächlichkeit, welches sie trotzig umkehrt, gerade indem sie all jene Mechanismen bedient. Sie zeigt das Intimste nach Außen und gerade dadurch macht sie dem Betrachter bewusst, dass es verlangt wird. Hier liegt eine ungeheure Kraft, die Dinge beim Namen zu nennen, Bedenkliches aufzuzeigen, indem man es ausreizt und sich somit in eine ganz neue Sphäre der Selbstdarstellung zu katapultieren - eine in der die Darstellung erst hinter einer ausgehöhlten Intimität beginnt.

 

Quellenverzeichnis:

1. Radiobeitrag vom 24.06.2015 im hr2 kultur Kulturradio - Selfie, Selfie in der Hand - Wer ist die Schönste im ganzen Land?

2. http://selfiecity.net/

3. Erving Goffmann - Wir alle spielen Theater - Piper München Zürich - 1. Auflage 2003, S.52
 
4. Erving Goffmann - Wir alle spielen Theater - Piper München Zürich - 1. Auflage 2003, S.52

»Santayana hat angedeutet, daß der Sozialisierungsprozeß nicht nur verwandelt; er fixiert auch:
„(…) Wir bemühen uns den großen Gefühlen gerecht zu werden, die wir geäußert haben, so wie wir versuchen, an die Religion zu glauben, zu der wir uns bekennen. Je größer die Hindernisse, desto größer unser Eifer. Hinter unseren öffentlichen Prinzipien und unseren verpflichtenden Worten müssen wir alle Unstimmigkeiten unseres Gefühls und unseres Verhaltens verbergen; und dies ohne Heuchelei, weil unser bewußt angenommener Charakter unser wahres Selbst darstellt, nicht der Strom unserer unfreiwilligen Träume. (…)“«

5. Byung Chul Han - Transparenzgesellschaft - MSB Matthes & Seitz Berlin - 1. Auflage 2012, S.57

6. Richard Sennett - Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität - Frankfurt a.M. 1991, S.46

»Das Paradoxon von Sichtbarkeit und Isolation, das uns am öffentlichen Leben von heute immer wieder auffällt, hat seinen Ursprung im Recht auf Schweigen, das im letzten Jahrhundert Gestalt annahm. Isolation bei gleichzeitiger Sichtbarkeit für andere ergab sich als logische Konsequenz aus dem Beharren, stumm zu bleiben, wenn man sich in die chaotischen und doch anziehenden Gefilde der Öffentlichkeit hinauswagte.«

7. Richard Sennett - Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität - Frankfurt a.M. 1991, S.46

»Wenn wir davon sprechen, was uns die Krise des öffentlichen Lebens im 19. Jahrhundert hinterlassen hat, dann meinen wir auf der einen Seite die fundamentalen Kräfte des Kapitalismus und des Säkularismus und auf der anderen Seite diese vier psychologischen Sachverhalte; unwillkürliche Charakterenthüllung, Überlagerung der öffentlichen Sphäre durch die private Vorstellungswelt, Abwehr durch Rückzug und, schließlich, Schweigen.«

8. Beate Rössler - Der Wert des Privaten - Frankfurt a. M. 2001, S.201

9. Beate Rössler - Der Wert des Privaten - Frankfurt a. M. 2001, S.209

10. Byung Chul Han - Transparenzgesellschaft - MSB Matthes & Seitz Berlin - 1. Auflage 2012, S.24

11. Byung Chul Han - Transparenzgesellschaft - MSB Matthes & Seitz Berlin - 1. Auflage 2012, S.58

» Die sozialen Medien und personalisierten Suchmaschinen errichten im Netz einen absoluten Nahraum, in dem das Außen eliminiert ist. Dort begegnet man nur sich und seinesgleichen. (…) Diese digitale Nachbarschaft präsentiert dem Teilnehmer nur jene Ausschnitte der Welt, die ihm gefallen. So baut sie die Öffentlichkeit, das öffentliche, ja kritische Bewusstsein ab und privatisiert die Welt. «

12. Byung Chul Han - Transparenzgesellschaft - MSB Matthes & Seitz Berlin - 1. Auflage 2012, S.24

13. Prof. Dr. Ruchatz in einem Artikel des „Weser Kurier“ 

14. Prof. Dr. Ruchatz in einem Interview 

15. http://oleanderbaby.tumblr.com/tagged/personal - 04.08.2015

» people want to possess you, like an object to be won, a trophy to be earned, or just something to stick yourself into, never appreciated, never understood. “never attach yourself to anyone who shows you the least bit of attention because you’re lonely. girls in this world…treated like scum, seemingly valuable only for the flesh, more so once perfect, and… It’s objectification and it is dehumanization at it’s finest… But . Not me. None of this touches me. i am not much of anything.not even flesh. you understand only if your thoughts are as hazy and otherworldly as mine are. The result of severe light headedness , anger, fear «

16. http://oleanderbaby.tumblr.com/tagged/personal - 24.11.2014

» I am simply a tragic, pathetic mess «

17. http://oleanderbaby.tumblr.com/tagged/personal - 17.01.2015

» (...) superficiality wins all, superficiality and sex appeal win this world over, win humanity over, it seems, the ruling powers…money…superficiality..sex (...) «

 

Abbildungsnachweis: 

Abbildung 1: Ellen DeGeneres @TheEllenShow
https://twitter.com/TheEllenShow/status/440322224407314432

Abbildung 2: Anastasia Nikolaevna Romanova 
http://www.wizzed.com/17-celebrities-that-made-selfies-cool-way-before-you-bought-your-first-camera%E2%80%8F/

Abbildung 3: Eva in der Wanne 
http://oleanderbaby.tumblr.com/tagged/personal