KUNSTSTÜCKE

31-01-2017 / die Redaktion

Diese Rubrik widmen wir den Künstlern. Dieses Mal – Martin Meiser mit einigen philosophischen Luftsprüngen von Allen Stewart Konigsberg.

 

Martin Meiser, Olga sagt: viele Hände schnelle Ende, 2017

 

Meine Philosophie 

Die Entstehung meiner Philosophie ging folgendermaßen vor sich: Als meine Frau mich von ihrem ersten Soufflé kosten lassen wollte, ließ sie aus Versehen einen Löffel voll auf meinen Fuß fallen, was mir mehrere kleine Knochen brach. Ärzte wurden zugezogen, Röntgenaufnahmen gemacht und gesichtet, und ich musste einen Monat fest im Bett liegen. Während meiner Genesung wandte ich mich den Werken einiger der bedeutendsten Denker der abendländischen Gesellschaft zu — ein Stapel Bücher, den ich extra für so eine Gelegenheit beiseite getan hatte. Ohne auf die chronologische Ordnung zu achten, fing ich mit Kierkegaard und Sartre an und ging dann schnell zu Spinoza, Hume, Kafka und Camus über. Das langweilte mich gar nicht so, wie ich gedacht hatte; im Gegenteil, ich war fasziniert von der Munterkeit, mit der diese großen Geister entschlossen der Moral, Kunst, Ethik, dem Leben und dem Tode zu Leibe rückten. Ich erinnere mich an meine Reaktion auf eine der typischen glänzenden Erkenntnisse Kierkegaards: «Eine solche Beziehung, die sich selbst auf das eigene Selbst bezieht (das heißt, ein Selbst), muss sich entweder selbst entwickelt haben oder von einem anderen entwickelt worden sein.» Diese Einsicht trieb mir die Tränen in die Augen. Mein Gott, dachte ich, so gescheit müsste man sein! (Ich bin jemand, der Mühe hat, zwei vernünftige Sätze zum Thema «Ein Tag im Zoo» zu schreiben.) Gewiss, diese Passage war mir absolut unverständlich, aber was sagte das, solange Kierkegaard Spaß daran gehabt hatte. Plötzlich überzeugt davon, dass die Metaphysik genau das wäre, was ich schon immer hätte tun sollen, nahm ich meinen Federhalter und fing sofort an, meine eigenen Betrachtungen zu notieren. Die Arbeit ging flott voran, und in nur zwei Nachmittagen — die Zeit für das Nickerchen und die Versuche, dem Bär die beiden kleinen Kügelchen in die Augen kullern zu lassen, nicht gerechnet — hatte ich das philosophische Werk vollendet, das, hoffe ich, bis nach meinem Tode oder bis zum Jahre 3000 (egal, was zuerst eintrifft) nicht veröffentlicht wird, und von dem ich in aller Bescheidenheit glaube, dass es mir einen Ehrenplatz unter den bedeutendsten Denkern der Geschichte sichern wird. Hier nun nur eine kleine Kostprobe aus der Masse geistiger Kostbarkeiten, die ich für die Nachwelt aufbewahre, oder so lange, bis die Putzfrau kommt. 

 

Martin Meiser, Kimme, 2017

 

I. Die Kritik des Reinen Schreckens 

Bei der Darlegung jeder Philosophie muss die erste Überlegung immer die sein: Was können wir erkennen? Das heißt, wovon können wir sicher sein, dass wir es kennen, oder sicher sein, daß wir wissen, wir kannten es, wenn es überhaupt wirklich erkennbar ist. Oder haben wir es bloß einfach vergessen und sind zu verlegen, irgendwas zu sagen? Descartes wies auf das Problem hin, als er schrieb: «Mein Geist kann niemals meinen Körper erkennen, obgleich er mit meinen Beinen auf ziemlich freundschaftlichem Fuße steht.» Mit «erkennbar» meine ich nebenbei nicht, was durch die Wahrnehmung der Sinne erkannt oder vom Geist erfasst werden kann, sondern eher das, wovon man sagen könnte, dass es bekannt ist oder Kenntnis oder Erkenntnis besitzt oder wenigstens etwas ist, was man einem Freund mitteilen kann. Können wir das Universum wirklich «kennen»? Mein Gott, es ist doch schon schwierig genug, sich in Chinatown zurechtzufinden. Der springende Punkt ist doch: Gibt es da draußen irgendwas? Und warum? Und muss man so einen Lärm darum machen? Schließlich kann es keinen Zweifel darüber geben, dass das einzig Charakteristische der «Wirklichkeit» ihr Mangel an Substanz ist. Das soll nicht heißen, dass sie keine Substanz besitzt, sie fehlt ihr bloß. (Die Wirklichkeit, von der ich hier spreche, ist dieselbe, die Hobbes beschrieb, nur ein bisschen kleiner. Darum könnte das Diktum Descartes': «Ich denke, also bin ich» besser mit «Guck mal, da geht Edna mit einem Saxophon» ausgedrückt werden. Um also ein Wesen oder – eine Idee zu erkennen, müssen wir sie anzweifeln, um auf diese Weise, durch das Zweifeln nämlich, dahin zu kommen, die Qualitäten, die sie in ihrer Begrenztheit besitzen, zu verstehen, und die genau «im Ding an sich» oder «aus dem Ding an sich» oder aus etwas oder nichts bestehen. Wenn das begriffen worden ist, können wir die Erkenntnislehre für einen Augenblick verlassen. 

 

Martin Meiser, Herr Zen, 2017

 

II. Die eschatologische Dialektik als Mittel gegen die Gürtelrose 

Wir können sagen, dass das Universum aus einem Stoff besteht, und diesen Stoff wollen wir «Atome» nennen, sonst nennen wir ihn eben «Monaden». Demokrit nannte ihn Atome, Leibniz nannte ihn Monaden. Glücklicherweise sind diese beiden Männer einander nie begegnet, sonst hätte es sicher sehr törichte Streitereien gegeben. Diese «Partikel» wurden durch irgendeine Ursache oder ein Grundprinzip in Bewegung gesetzt, vielleicht fiel auch bloß irgendwas irgendwohin. Der springende Punkt ist, dass es jetzt zu spät ist, in dieser Angelegenheit noch etwas zu unternehmen, außer möglicherweise viel rohen Fisch zu essen. Das erklärt selbstverständlich nicht, warum die Seele unsterblich ist. Noch sagt es irgend etwas über ein Leben nach dem Tode aus, oder über das Gefühl meines Onkels Sender, von Albanern verfolgt zu.werden. Der Kausalzusammenhang zwischen dem Grundprinzip (d. h. Gott oder einem heftigen Wind) und jedem teleologischen Begriff des Seins (Das Sein) ist Pascal zufolge «so lächerlich, das er nicht einmal komisch ist» (Das Komische). Schopenhauer nannte dies den «Willen», aber sein Arzt diagnostizierte es als Heuschnupfen. In seinen späteren Jahren wurde er darüber verbittert, oder noch wahrscheinlicher über seinen wachsenden Verdacht, er sei nicht Mozart. 

 

Martin Meiser, Der geile Bock, 2017

 

III. Der Kosmos für fünf Dollar pro Tag 

Was also heißt «schön»? Die Verschmelzung der Harmonie mit dem Geraden oder die Verschmelzung der Harmonie mit etwas, was gerade so klingt wie «das Gerade»? Möglicherweise hätte die Harmonie mit «dem Gerede» verschmolzen werden sollen, und das ist es nun, was uns solche Scherereien macht. Die Wahrheit freilich ist die Schönheit — oder «das Notwendige». Das heißt, was gut ist oder die Qualitäten des «Guten» besitzt, läuft auf die «Wahrheit» hinaus. Wenn es das nicht tut, kann man wetten, dass die Sache nicht schön ist, obgleich sie dennoch wasserdicht sein kann. Ich fange an zu glauben, dass ich von Anfang an recht hatte und dass alles mit dem Gerede hätte verschmolzen werden sollen. Na gut. 

 

Martin Meiser, Der Nasenmann, 2017

 

Zwei Parabeln 

Ein Mann nähert sich einem Palast. Der einzige Eingang wird von ein paar grimmigen Teutonen bewacht, die nur Leute namens Julius reinlassen wollen. Der Mann versucht, die Wachen zu bestechen, indem er ihnen anbietet, sie ein Jahr lang mit den delikatesten Brathähnchen-Spezialitäten zu versorgen. Sie weisen sein Angebot weder zurück, noch nehmen sie es an, sie fassen ihn bloß bei der Nase und drehen sie, bis sie wie ein Korkenzieher aussieht. Der Mann sagt, es sei dringend notwendig, dass er in den Palast hineinkäme, weil er dem Kaiser frische Unterwäsche bringe. Als die Wachen das weiter ablehnen, beginnt der Mann, Charleston zu tanzen. Sie scheinen Spaß an seinem Getanze zu haben, verlieren aber bald die Laune wegen der schlechten Behandlung der Navajos durch die Bundesregierung. Außer Atem bricht der Mann zusammen. Er stirbt, ohne jemals den Kaiser gesehen zu haben, und mit sechzig Dollar Schulden bei Steinway für ein Klavier, das er im August von ihnen gemietet hatte. 

Man übergibt mir eine Botschaft, die ich einem General überbringen soll. Ich reite und reite, aber das Hauptquartier des Generals scheint sich weiter und weiter zu entfernen. Schließlich springt ein riesenhafter Panther auf mich und verschlingt mein Herz und meinen Verstand. Das vermurkst mir vollkommen den schönen Abend. Wie sehr ich mich auch bemühe, den General kriege ich nicht zu fassen; ich sehe ihn in der Ferne in seinen Unterhosen herumrennen und seinen Feinden das Wort «Muskatnuss» zuflüstern. 

 

Martin Meiser, Frau Hunger, 2017

 

Aphorismen 

Es ist unmöglich, unvoreingenommen seinen eigenen Tod zu erleben und ruhig weiterzusingen. 

Das Universum ist bloß eine flüchtige Idee im Geiste Gottes — ein ziemlich unbehaglicher Gedanke, besonders, wenn man gerade die Anzahlung für ein Haus geleistet hat. 

Das ewige Nichts ist okay, wenn man entsprechend gekleidet ist. 

Wenn doch Dionysos noch lebte! Wo würde er essen? 

Es gibt nicht nur keinen Gott, sondern versuch mal, am Wochenende einen Klempner zu kriegen.