Zweitbester

16-09-2015 / 1%ofONE Verlag

Die Ausstellung Zweitbester fand zwischen 25.02. und 01.03.2015 während des jährlichen Rundgangs an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg statt. Das ursprüngliche Ausstellungskonzept sah vor, eine anerkannte künstlerische Position unter die Arbeiten von Kunststudierenden zu schmuggeln. Dafür sollte der nachgefragte Künstler Nedko Solakov* eingeladen werden. Leider sagte dieser ab. An seiner Stelle wurde nur ein Werk mit dem Titel Zweitbester von Jacob Schenck** im Raum 152 gezeigt.

Das hier veröffentlichte Gespräch ist in der Publikation Zweitbester im 1%ofONE Verlag erschienen.

Zweitbester (Ausstellungsansicht)
Zweitbester » 17 cm x 24 cm » 24 Seiten » 4C-Offsetdruck » ISBN: 978-3-00-048992-4
Zweitbester (c) Jacob Schenk

 

 

ZWEITBESTER — Ein Gespräch zwischen Jacob Schenck ( JS ) und Mitko Mitkov ( MM )

Freitag, der 13. Februar 2015, Leipzig

 

JS:  Ich lese gerade das Mervebändchen über Cy Twombly von Roland Barthes. Es ist interessant, was er da schreibt. Für mich kann das aber nie ersetzen, wie ich vor einem Bild stehe und es mir anschaue. Da passiert etwas anderes. Sachen, die ich gut finde – wie Outsiderkunst oder abstrakter Expressionismus – kann man oft nicht in wissenschaftliche Worte fassen, eher in literarische.

MM:  Ich denke auch oft über Sachen nach, die ich gut finde. Über Kunst, die ich gerne mag. Ich habe das Gefühl, dass diese Künstler fast autistisch sind. Sie sind hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Und dann gibt es das Problem, das von diesen Künstlern erwartet wird, dass sie ihre Arbeit in Worte fassen können.

JS:  Deswegen begeistern mich diese ganzen Outsider Sachen. Diese Diskussionen darüber, ob es Kunst ist oder nicht... Natürlich nicht, weil es im üblichen Kunstkontext nicht anerkannt wird. Kunst ist keine esoterische Sache. Sie ist eine gesellschaftlich akzeptierte Institution, die bestimmte Regeln hat.

MM:  Kunst wird verkauft. Das ist ja auch in Ordnung. Es gibt Leute, die ihr Geld als Klempner verdienen. Künstler zu sein finde ich nicht unbedingt wichtiger als Klempner zu sein.

 

 

aus dem Archiv von Jacob Schenck (4)
aus dem Archiv von Jacob Schenck (1)
aus dem Archiv von Jacob Schenck (2)
aus dem Archiv von Jacob Schenck (3)

 

 

JS:  Es gibt eine Zeichnung, die ein Kumpel von mir gemacht hat. Er ist Gas- u. Wasserinstallateur und er hat in der Kneipe einen Affen gezeichnet. Es ist eine super Zeichnung, weil er immer noch wie ein Achtjähriger zeichnet. Weil er, seitdem er acht Jahre alt war, nie wieder gezeichnet hat. … Und wieso sollte man etwas naturrealistisch abbilden? Es gibt selten ein Grund das zu tun.

MM:  Ja, man kann sich stattdessen etwas Naturrealistisches anschauen, im Naturkundemuseum zum Beispiel.

JS:  Wenn es Sinn macht einen naturrealistischen Affen zu zeichnen, kannst du dir einen anschauen und fotografieren und gehst anschließend ins Museum und schaust dir die alten Meister an. Aber dann muss der Kommentar stimmen. Ich finde es auch gut, wenn Sachen aufwendig sind für einen kleinen Gag. Einfach nur so.

MM:  Das versuche ich mit der Ausstellung “Zweitbester”. Mit großem Aufwand eine Ausstellungssituation für einen Witz aufzubauen.

Ich benutze dich als eine Art Werkzeug, indem ich dich nach dieser Zeichnung gefragt und ein Konzept aufgestellt habe, in dem du der Zweitbeste bist. Das ist natürlich gemein von mir.

JS:  Aber das ist genau auch das Konzept hinter der Zeichnung "Zweitbester". Es geht nicht darum, der Beste zu sein. Das Männchen auf der Zeichnung hat nur einen kleinen Mucki. Er ist wie ein Achtjähriger, der Zweitbester geworden ist und sich total darüber freut.

Man kann es nur so gut machen wie man es eben kann. Das Wichtigste ist, dass man damit zufrieden ist. Man kann ja nicht besser sein als man ist. Und wenn jemand entscheidet, dass du Zweitbester bist, dann ist das auch ok.

MM:  “Zweitbester” ist die Zeichnung von dir, die mir von Anfang an im Gedächtnis geblieben ist. Man ist selbst manchmal der Zweitbeste. Aber ich glaube das Gute daran ist, wie du auch schon meintest, wenn man diesen Zwang, der Beste zu sein, los wird. Was bedeutet es eigentlich der Beste zu sein?

JS:  Leute besteigen den Mount Everest, weil er der höchste Berg ist, nicht weil er bergsteigerisch so interessant ist. Das ist schon komisch. Es ist der höchsten Punkt der Erde und genau deswegen will man dort hin.

MM:  Es ist eigentlich ein Spiel, in dem auch andere Menschen mitspielen. Man ist allen anderen Menschen überlegen. Man ist auf dem höchsten Punkt der Erde und man hat es geschafft und alle anderen sind da unten.

JS:  Genau, und dann geht es darum, wer der Erste war. Wer war der Erste auf dem Mond, auf dem Mount Everest oder auf dem Matterhorn.

MM:  Diese Leute sterben aber auch irgendwann alle. Ich weiß nicht, ob man ein schöneres Leben hat, wenn man einmal der Erste war.

JS:  So wie Lance Armstrong. Er war der Erste und dann musste er wieder der Erste sein, und danach musste er der Erste sein, der die Tour de France sieben mal gewinnt. Es ist nicht nachhaltig und auf Dauer unbefriedigend. Außerdem hat er ja, wie wir heute wissen, alle beschissen.

 

 

(c) Jacob Schenck
(c) Jacob Schenck
(c) Jacob Schenck
(c) Jacob Schenck
(c) Jacob Schenck

 

 

 

JS:  Wenn jeder die gleiche Matheaufgabe kriegt, gibt es natürlich einen, der es besser macht oder schneller ist. Das ist dann ganz einfach. Es gibt einen Ersten und einen Zweiten. Aber wenn du etwas machst, das im Grunde nicht vergleichbar ist. ... Da will ich im Endeffekt selbst damit zufrieden sein. Sonst ist mir nur die Meinung der Menschen wichtig, die ich auch respektiere.

MM:  Klar. Die Leute, die man auch selber schätzt.

JS:  Der Witz bei Zweitbester ist, dass Nedko Solakov ein anerkannter Künstler ist, der zum Beispiel auf der documenta(13) ausgestellt hat. Er ist im Wertekontext besser. Er ist der Erstbeste.

MM:  Der Witz ist, das es tatsächlich so ist.

JS:  Aber es gibt noch etwas anderes, was ich daran interessant finde. Ich habe mir seine Arbeiten angeguckt und finde sie gut. Aber ich will ja nicht das Gleiche machen wie er. Ich könnte machen, was er macht und das dann besser machen. Dann wäre ich der Erstbeste. Aber das geht ja nicht.

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* Nedko Solakov, geb. 1957 in Cherven Briag, Bulgarien, Teilnehmer der Biennale Venedig 2007 und der documenta 13.

** Jacob Schenck, geb. 1989 in Tettnang, Deutschland, studiert seit 2013 an der HGB Leipzig.

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Zweitbester ist kostenfrei zzgl. Versandkosten auf die 1%ofONE Webseite erhältlich.

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