»wenn morgen die sonne nicht mehr aufgeht« Ausstellungstext und Kommentar

20-10-2026 / Felix Siegl und Luise Nübling

„I had a dream, which was not all a dream. / The bright sun was extinguish’d, […] and the icy earth / Swung blind and blackening in the moonless air; / Morn came and went—and came, andbrought no day […] A fearful hope was all the world contain’d; / Forests were set on fire—but hour by hour / They fell and faded—and the crackling trunks / Extinguish’d with a crash—and all was black. […]”

In Lord Byrons Gedicht Darkness (1816) verliert sich die Menschheit angesichts einer verloren gegangenen Sonne im Kampf mit sich selbst. Apokalyptisch beschreibt er den Zerfall der Welt auf einem erfrorenen Planeten, kalt und einsam, auf dem letztlich nichts mehr existiert außer der Dunkelheit selbst.

»wenn morgen die sonne nicht mehr aufgeht« ist der Versuch eines Gegenentwurfs. Keine Frage, keine Feststellung – eine Hypothese die der im Fatalismus entspringenden kollektiven Resignation mit Einfühlsamkeit begegnet.  Eine Suche nach im Dunklen verborgener Geborgenheit und ehrlicher Verletzlichkeit, die unter der Brutalität des Lichts oft verborgen bleiben.

So lässt sich in den Zwillingsmalereien von Philine Mayr der Wunsch nach Zusammenhalt wiederfinden. Eine Sehnsucht, die sich in anderer Form auch in den Arbeiten von Luzie Ana Catalina Katzorke fortsetzt. Es konfrontiert einen die Frage, was wir eigentlich bewahren, wenn wir uns selbst in der Neuerfindung auf den Trost vergangener Wahrheiten stürzen.

Anstelle lauter, von Frustration, Aggression und Erschöpfung motivierter Rufe bildet sich zwischen den Arbeiten ein Ort des Innehaltens, ein leises Hoffnungsflüstern.

„Vielleicht lässt es sich gut in Dystopien denken“ schreibt Luise Nübling in ihrem für die Ausstellung entstandenem Kommentar. Aus ihnen entstehe die Möglichkeit für „kritische Utopien.” Ein sowohl treffender als auch hoffnungsstiftender Gedanke – und zwar keiner der aus Angst, sondern aus Zusammenhalt geboren wird.

Felix Siegl 

Philine Mayr, Untitled (Netzhaut), 2026 48x65cm, Acryl und Öl auf Baumwolle
Luzie Ana Catalina Katzorke, reset to factory settings [plural], 2026 Variable Dimensionen, Kugelschreiber auf Baumwolle und Gaze
Philine Mayr, Apple and Orange, 2026 150x400cm, Öl auf Baumwolle
Luzie Ana Catalina Katzorke, reset to factory settings (siempre elegiría a mi mamá), 2026 10x15cm, UV-Druck auf Stahl

 

Kommentar über die Ausstellung (Luise Nübling):

Ein Ausstellungstitel, der eine Frage suggeriert, lässt nicht unbedingt Antworten erwarten. Schon aber eine Verhandlung, die sich in die Narration der Kuration einordnen lässt.

Wie einen geschriebenen Text, betrachte ich die bildende Kunst als ein Medium des Narrativs, sei es das Objekt als Kunstwerk oder die Kunst selbst. Die bildende Kunst hat jedoch einen Vorteil gegenüber der Erzählstruktur des Textes sie wirkt in ihrer Form freier. Es gibt keine gesetzte Abfolge der Erzählung, der Satzstruktur, sondern sie darf ganz im Raum verweilen, zwischen Intention und Instinkt des:der Künstler:in bis hin zur Subjektivität des:der Betrachter:in. Wenn das Kunstwerk Worte wären, wären sie also ständig im Wandel.  

In der künstlerischen Arbeit von Philine Mayr lässt sich dies nachvollziehen im Aspekt der Form und des Trans-formierens Ich denke an Wachsen und an Verwachsen. Ich denke an Metamorphose, neue Lebensformen, neu im Sinne von neu entstanden, nicht unbekannt. Es ist ein Nicht-Raum, im Sinne von nicht-existent, der sich nur über die Zweidimensionalität erschließen lässt. Ein Bild, das viele Bilder schafft, keines davon das wahre, echte – alles metaphysisch, irrational und metaphorisch. Das Bild löst sich nicht vom Figürlichen, sondern denkt dieses neu. Solche fantastischen Bilder können erstaunlich befreiend sein. Egal, was in Anbetracht der Malerei möglicherweise für den:die Betrachter:in fühlbar oder sichtbar wird:Es bleibt das Vertrauen auf eine Dynamik, die nicht einer einheitlichen Struktur verfällt, sondern in der permanenten Bewegung des (Ver-)Wandels selbst liegt.

In Luzie Ana Catalina Katzorkes Werk wird das Verändern selbst zum Werkzeug. Kontext und Maßstab verschieben sich und so wandelt sich auch die Wahrnehmung eines Produkts, das überraschend vertraut und doch kaum im Alltag ehrlich sichtbar ist. Throw Away. DO NOT EAT. Ein Produkt wird zum Objekt, es überschreibt sich in den Ort und in eine Anordnung, die Schutz vermuten lässt. Was bleibt ist ein Gefühl von Misstrauen. Es ist Teil meines Konsums. Es saugt mich aus, wie die Feuchtigkeit aus der Verpackung. Die neu gewonnene Größe wirkt angemessen. Ich fühle mich erwischt, angeschrien. Wenn dies das Ende ist, gibt es vielleicht keinen echten Schutz, alles verläuft im Kreislauf eines Systems, das sich selbst konsumiert, bis ans bittere Ende. Was mich aus diesem Gedanken herausholt, ist die Erinnerung an die Transformation.

Vielleicht lässt es sich gut in Dystopien denken. Aus dem dystopischen Szenario des Weltuntergangs können kritische Utopien entstehen, die unsere Sicht auf die Welt auf komplexe Weise verändern und sie als pluralistischen Lebensraum darstellen, der im Wandel und nicht der Kontrolle lebt. Wie die Schriftstellerin Octavia E. Butler es so wunderbar formulierte: “There is nothing new under the sun, but there are new suns.”

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Ausstellung »wenn morgen die sonne nicht mehr aufgeht«

Luzie Ana Catalina Katzorke
Philine Mayr

Kuratiert von Felix Siegl

10. – 25. Oktober 2026
FRISE Künstler*innenhaus
Arnoldstraße 26-30
22765 Hamburg

Artist Talk am 25. Oktober, 15 Uhr
moderiert von Luise Nübling