Das Verschwinden des Kinos – Teil 2: Lange leben die Kinos!

30-07-2016 / Patrick Holzapfel

Nachdem wir im ersten Teil auf das geblickt haben, was im und mit dem Kino verloren geht, wollen wir jetzt einen möglichen Ausblick wagen. Dieser Ausblick ist jedoch mehr eine Möglichkeit denn eine Sicherheit. Es ist ein Blick, der tatsächlich aus dem heraus führen soll, was wir normal sehen, wenn wir ans Kino denken. Dieser Ausblick muss unbedingt subversiv gegen das derzeitige Verleihsystem arbeiten. Er muss es wieder verstehen, dass Underground, Avantgarde oder Unbekanntes nichts mit Nostalgie zu tun haben. Es geht darum, Rahmen aufzubrechen. Nur so können jene Fiktionen entstehen, die das Kino nähren.

 

Bild aus "La Jetée" von Chris Marker (Copyright: Argos Films)

 

Dennoch müssen diese Auf- und Ausbrüche im Bewusstsein der Geschichte und Geschichtlichkeit des Mediums geschehen. Wie beim Filmemachen bieten sich durch die Digitalisierung Möglichkeiten, die nicht nur Demokratisierung des Vertriebs bedeuten sollten, sondern Differenzierung. Wichtig ist dabei, dass nach wie vor ein sozialer Konzentrationsraum geschaffen wird und das Kino ein Ort der Zeit bleibt. Eine konzentrierte, gemeinsame Zeit für die Filme.

In einigen deutschen Kinos, die auch Philipp Hartmann für seinen digitalen und unabhängigen 66 Kinos (AT) besuchte, gibt es Bemühungen, aus dem klassischen Prozedere auszusteigen. Beispiele dafür sind das relativ neu gegründete Wolf Kino in Berlin oder der Kunstverein Hamburg. An beiden Stätten gibt es zunächst einen räumlichen Ausblick, der gleichermaßen ein Ausbruch ist. Kino, das heißt eben nicht nur vorne ist eine Leinwand und davor sitzen im Dunklen Menschen und betrachten diese Leinwand. Kino kann flexibel sein. In Zeiten, in denen sich bildende Kunst und Film immer wieder annähern, ist das ein logischer Schritt. Die Leinwand in der Mitte, mehrere Leinwände, man kann sich bewegen. Das ganze Kino kann sich bewegen, kann wandern. Allgemein scheint das penetrante und sicherlich auch in vielerlei Hinsicht gerechtfertigte Einfordern bestimmter Projektionsstandards ein Luxusproblem. Es sollte jedoch kein Luxus sein, Film als Kunst zeigen zu können. Es sollte notwendig sein. Nur muss man heute die Frage stellen, ob man lieber keinen Film zeigt oder einen Film nicht richtig zeigt.

[Ausschnitt aus dem Rohmaterial zu 66 KINOS (AT) von Philipp Hartmann]

 

Wer einmal auf dem Il Cinema Ritrovato in Bologna auf dem Piazza Maggiore mit tausenden Menschen Modern Times von Charlie Chaplin sehen durfte, wer in den Augen von alt und jung 80 Jahre nach der Uraufführung des Films eine immense Konzentration und Begeisterung spürt, der kann nur sehr schwer behaupten, dass man den Film gar nicht gesehen hätte, nur weil er digital gezeigt wurde. Wichtiger wäre sicherlich die Transparenz solcher Vorführungen. Dem Zuseher muss gerade heute gesagt werden, was er da sieht. Es sollte zudem alles unternommen werden, um einen Film so zu zeigen, wie vom Künstler intendiert. Wenn das aus finanziellen, logistischen oder sonstigen Gründen nicht möglich ist, muss man das kommunizieren. Es kann nicht sein, dass diverse Filmmuseen in Deutschland oder Frankreich ganze Retrospektiven von Blu-Rays abspielen. Denn so verliert das Kino etwas vom Kino und theoretisch könnte man sich dieses Kinoerlebnis mit Freunden auch zu Hause holen. Mehr noch ist es ein Betrug am Filmemacher. Es ist also ein zweischneidiges Schwert. Was wichtig scheint, ist eine Sensibilisierung für die Vorführung, die immerzu um ihr Ideal weiß, selbst wenn sie es nicht halten kann. Es ist eine etwas fragwürdige Floskel, aber in diesem Fall sollte man die Regeln tatsächlich nur brechen, wenn man sie kennt.

Der wichtigste Pluspunkt der Digitalisierung sind die einfacheren Abläufe und selbstverständlich die geringeren Kosten. Diese ermöglichen beispielsweise, dass Kinos Filme ohne Verleih oder mit mutlosen Verleih auf eigene Faust zeigen können. Mit The Lobster von Giorgos Lanthimos und Under the Skin von Jonathan Glazer gab es dafür in den vorigen Monaten zwei sehr prominente Beispiele. Auf diese Art kann und muss mehr gezeigt werden. Lokale Filme, Nachwuchsfilme, Filme ohne Verleih, verlorene Filme, auch ältere Filme. Kinos sollten Filme zeigen, nicht Verleiher. Zwar wird in Hartmanns Film betont, dass es sich selten lohnt, einen Neustart mit einem älteren Film zu kombinieren, aber eigentlich sieht man zu wenige Beispiele dafür. Was spricht gegen ein paar Screenings von Reservoir Dogs während The Hateful Eight läuft? Die Idee ist, dass man in ein Kino geht, weil man dort die Programmierung schätzt, weil man ein Vertrauen in die Politik des Hauses entwickelt. Kinobetrieb rückt heute immer näher an museale Arbeit heran. Das muss aber nichts damit zu tun haben, dass etwas Vergangenes ausgestellt wird. Es geht darum, dass es eine kuratorische Freiheit geben muss. Naiv? Vielleicht, aber das Kino leidet auch an der freien Verfügbarkeit von Bildern überall und passt sich dermaßen brav den Systemen an, dass es das Tempo der Konsumenten nicht mehr mitgeht. Das Problem ist, dass Kinos an institutionelle und ökonomische Gesetze gebunden sind, die im Internet im Graubereich der Legalität häufig hintergangen werden können. Eigentlich müsste das Kino selbst in diese Grauzonen vordringen, um wieder näher an den Zuseher zu rücken. Vielleicht brauchen wir heute das Verbotene. Gebt uns heimliche Eintrittskarten. Verführt uns. Nur auf Dauer kann das auch keine Lösung sein.

Als Kanye West sein letztes Album vor tausenden Menschen präsentierte, in dem er es samt riesiger Performance von einem Laptop abspielte, stellte sich durchaus die Frage nach ähnlichen Möglichkeiten im Filmbereich. Wie wäre es zum Beispiel, wenn Lars von Trier in Cannes auftauchen würde (mit Kapuze, damit ihn niemand erkennt) und dort von einem Laptop am Strand seinen neuen Film präsentieren würde? Wahrscheinlich würde er verhaftet werden, aber bis dahin, kann man sich vorstellen, würden viele seinen Film sehen wollen. Die Computerbildschirme, die im Untergeschoss von Cannes stehen, erinnern sowieso an die Kinetoscopes von Edison. Eine Jahrmarktsattraktion. Besser als die Filme nicht zu zeigen. Ein anderes Vertriebsmodell aus der Musik: Radiohead veröffentlichte ihr neues Album zunächst digital gegen einen gewissen Preis als Download. Erst einige Monate später erschien das Album auf CD. Was bringt das? Viele Kinobetreiber und Programmer betonen immer wieder, dass die Leute vor allem das sehen wollen, was sie bereits kennen. Ein gutes Beispiel zeigen die Besucherzahlen einer kleinen Andrzej Żuławski-Hommage vor ein paar Monaten im Filmmuseum München. Dort wurden Possession und sein neuer Film Cosmos gezeigt. Natürlich hatte Possession deutlich mehr Zuseher. Eigentlich wäre das absurd, wenn man sich nicht so daran gewöhnt hätte. Warum bieten Filmemacher oder Verleihe Filme, die es schwer haben, Filme, denen sie den Kinostart sowieso verweigern wollen, nicht als Download an? Es geht nicht darum, dass das todsichere wirtschaftliche Prozesse sind. Es geht vielmehr darum, dass das Kino ausbrechen muss, riskieren muss. Ein Download, der später zum Kinogang motiviert. Natürlich muss man nicht alles zeigen, aber man sollte doch zumindest, um den Titel einer jungen Dokumentation zu zitieren, zeigen, was man liebt.

[Trailer zu Cosmos von Andrzej Żuławski]

 

Ein anderes Distributionsmodell lieferte eben auch Hartmann mit seinem Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe, der die Reise in und für 66 Kinos (AT) initiierte. Hartmann kontaktierte sämtliche in Frage kommenden Kinos in Deutschland. Von manchen erhielt er keine Rückmeldung, von manchen negative Antworten, aber 66 Kinos waren bereit, seinen Film in ihrem Programm aufzunehmen. Wenn wir im ersten Text von Zeit und Raum des Kinos gesprochen haben, so sprechen wir hier von der Zeit und dem Raum, die sich das Kino nehmen muss. Hartmann hat seinen Film unabhängig vertrieben und genug Kinos sind mit aufgesprungen, sodass eine Reise durch ganz Deutschland möglich war. Bei allem Glauben an den Idealismus und die Liebe der Kinobetreiber, scheint es auch ökonomisch keine nicht-verschmerzbaren Nachteile zu bringen, wenn man einen solchen Film an einem Abend ins Programm aufnimmt. Was es geben muss, sind Förderprogramme für die Filmemacher und womöglich auch Verleihe, die in Zukunft solche Distributionsmodelle wählen. Das entlastet nicht nur die reisenden Künstler, sondern auch die Kinos.

An einem anderen Tag treffen wir T. Sie hat lange Haare mit grauen Strähnen. Meist spricht sie sehr leise, aber immer wieder bricht Begeisterung aus ihr. Zum Beispiel als sie auf die Frage ihres Mannes, wer den Oscar für den Besten Darsteller 1997 gewonnen hat, die richtige Antwort weiß. T. lacht viel, bevor sie hustet. Halbtags arbeitet sie als Musiklehrerin an einer Grundschule. In Schichtwechseln mit ihrem Mann und zwei Mitarbeitern kümmert sie sich abends um das kleine Kino. Zwei Dinge seien ihr besonders wichtig: Zum einen fahre sie eine "One for them/One for me"-Politik. Sie zeigt also einen Film, der Kasse machen soll, und einen, der ihr am Herzen liegt. Ab und an, sagt sie schmunzelnd, mache der Herzensfilm sogar mehr Kasse. Außerdem macht sie einmal im Monat Kinderprogramme mit Wunschfilmen oder kleinen Auslosungen, aus denen der Film hervorginge. Wie auch in Hartmanns Film von anderen Kinobetreibern erwähnt wird, bemerke sie große Freude bei den Kindern, die dann mit circa 13 Jahren plötzlich wegblieben. Erst viel später, mit circa 25 Jahren würde sie einige von ihnen wiedersehen. Bis dahin ist ein Programmkino einfach zu uncool. T. weiß nicht, ob sie allein vom Kino leben könnte. In ihrem kleinen Büro ist alles zugeklebt mit alten Postern und gefundenen Filmkadern. Sie sagt, dass Menschen immer noch das Bedürfnis hätten, ins Kino zu gehen. Ihre Augen strahlen dabei. Sie lässt gerne alte Sachen im Foyer stehen, weil sie bemerkt habe, dass der Retro-Charme ziehen würde. Im August wolle sie zum ersten Mal im kleinen Garagenhof hinter dem Kino Screenings durchführen. Die Leinwand würde sie einfach aus der Schule klauen. Sie steckt voller solcher Ideen, die sie immer mitten in der Ausführung einer anderen Idee hat. Es gibt keinen Stillstand in ihrem Kino. Im August brauche die Leinwand in der Schule sowieso niemand, sagt sie. Aber das Kino, das Kino brauche man immer.


[Ausschnitt aus Modern Times von Charlie Chaplin]

Das Verschwinden der und des Kinos beherbergt ein ständiges Wanken zwischen Trotz und Nostalgie, zwischen Bedauern und Enthusiasmus, zwischen Notwendigkeit und Luxus. Vielleicht sehen Dinge so aus bevor sie sterben, vielleicht nicht. Wir dürfen nicht vergessen, wie jung das Medium ist. Die Sicherheit, mit der Kino und Kultur heute zum Teil betrachtet werden, ist selbstüberschätzte Verklärung. Oft wird vergessen, dass wir auch nur Kinder unserer Zeit sind. Eine Zeit, in der Film und Kino großen Wandlungen unterworfen wird. Dabei geht es weniger um Überleben und Anpassung, als um das Finden einer Möglichkeit, wie die siebte Kunst sich weiter entwickeln kann. Diese Entwicklung darf aber nicht ohne das Wissen um die letzten 121 Jahre der Kinogeschichte vorangetrieben werden. Skepsis ist sicherlich angebracht, aber ein wenig Naivität und Übermut würden nicht schaden. Wenn das Kino an einer Sache krankt, dann womöglich seiner generellen Angepasstheit. Das Kino darf nicht einfach das Kino sein. Es darf nicht ein Kino geben, es müssen Kinos sein.

 

Erstveröffentlichung unter www.kino-zeit.de