Numen durch Blumen oder ab jetzt bleiben die Linien wohl mal in den Bildern

28-07-2016 / Claus Sautter

Ich nasche die Blüten
Ihr könnt sie nicht hüten.

Friedrich Schlegel 

«Mais qu’est-ce que tu fabriques?» entgeistert sich Eugène Atget vorabends der GESELLSCHAFT für den BLINDEN FLECK als er sich Rischers neuen Werken gegenüber sieht mit all den Bäumen, Büschen, Wurzeln und Gestrüpp.
    Obschon er dessen Werdegang aus kosmischer Distanz  – haust er doch nun in einem dunklen Krater auf Merkur – geraume Zeit schon angeregt bewundernd – wenn auch gewürzt mit einer leisen Prise Neid auf die moderne Freiheit – betrachtet und verfolgt, plagt ihn doch die Idee, dass er dereinst vielleicht nicht mehr als erste Referenz für dieses Œuvre gilt, was ihn schon prospektiv ein wenig kränkt – die Götter, weiß man, sie verschwinden, sobald man nicht mehr an sie denkt.

 

Alexander Rischer, 2016

 

«Ja, ist schon kurios» murmelt da ein anderer vor sich hin :
        «Mein Rischer, der, wie fern die Zeit entrinne,
        Vergangenheit als Gegenwart betrachtet,
        und während IHR nach Sterblichem nur trachtet’,
        unsterblich HIER schon wird der Zukunft inne!»  

Atget : «Mon Dieu! Wer sind denn Sie?»
«Schlegel, Friedrich, angenehm. – Wieso verschwinden? War man jemals da?»
Eugène sagt : «Enchanté» auch ich bin, maintenant, nur hier, weil mich die histoire de l’art – encore als ‘avant-garde’ für heute sah...

«Der Zukunft inne, sagt Ihr?» fragt ein anonymer Dritter «wie ist denn das gemeint? Ich seh nur gegenwärtiges Gebüsch ganz bar des Sinns. Wo ist ‘de l’art’?»

«Heute ist Morgen» brummt in seinen Busfahrer-Bart ein Vierter, mit Namen Robbins.
            
Atget, die Hände knöchern ringend : «Messieurs! Da, dachte ich, hier geht es um der Mythen-Echo auf dem Stein und in der Zeit, um Nachhall alter Inbrunst auf nun kalten Mauern – um das Erschauern, vielleicht auch um die Ironie des mangelnden Bedauerns um die Dauer. Ich aber sehe nirgends Kirchen, Türme und auch Steine keine!»

«Ach guter Mann, Atget», geht Schlegel ihm dazwischen, «Zisch! – die Ironie – und davon weiß ich was – ich war dereinst in diesem Land ihr Bote, bewegt sich weiter und verwandelt ihr Gemisch. Hier geht’s um die romantische, ironische, um die genialische Essenz!»

Von Robbins kommt : «Die ganze Welt gehört der Knolle und der Schote, es ist botanische Intelligenz!»

«Wie?» sagt Herr Drei, «Versteh nur Bahnhof, der Busch ist absichtsvoll intelligent? Man kriegt hier aber auch nur weniges geschenkt! Muss doch sehr bitten und erlauben Sie : Ist das nicht vielmehr bloß des Zufalls Geo-Meterie?»

Da ich Herrn Alexander ja nun kenne, ja zu verstehen glaube, als Fotograf und Freund – und nebenbei auch im Besitz der Traube in der Flasche, entpacke ich nun meine vorbewusste Tasche :
«Wenn ich Herrn Robbins recht verstehe, meint der, die Knolle hätt das Sagen; Nun gut, das hat sie ihm in einem Wurzelsud und amazonisch-schamanistisch zugetragen. So wie die Sache mir sich aber präsentiert Herr Tom – als alter Bildermacher sei das hier gesagt, und bitte ich Sie mir zu trauen – antwortet die Welt dem der sie fragt in Allem, Stein oder Busch, ganz unverzagt– es ist an uns zu schauen. Erleuchtung braucht doch kein Motiv um sich dran festzukrallen! Darf ich es, Gentlemen, mal sohin sagen? – Vielleicht, nein sogar ganz bestimmt! – sind wir des Numen wie das Numen unser Kind. Es ist noch unklar, wer hier wen fotografiert, vielleicht ist’s Rischer den das Numen hier ganz flach und schwarz und weiß sich choreo grafiert...»

 

Alexander Rischer, 2016

 

                
Die Weisheit und der Witz der Linien, so träumte mir heut Nacht ganz weich, sind unsrem Sinn weit über – längst und schon. Die nächste Ebene geht nächtens angeln nach uns kleinen Fischen in ihrem Weltenteich – und wir erklären uns noch immer rechts und links – wie wir es kennen von unsren Kiemen – doch manche ahnen schon : da ist noch mehr : so arm wir sind, so sind wir dennoch reich an Dimension! Doch hilft uns das? Schon oder noch sind wir am Haken irgendeiner Illusion.

So fragt man sich : Ist das Motiv nun wirklich weg?
Steh ich vielleicht nur gerade so, das es verschwunden ist in meinem blinden Fleck?
 
«Heureka» ruft der Dritte : «Ich glaube jetzt begreife ich die neue Sitte! Die Linien sind nur so, weil er, der Künstler mitten in der Mitte Mitte! Die Linien – die Großen wie die Kleinen, sie scheinen sich tatsächlich wohl zu reimen...»

«Es ist – wie meistens – alles relativ» hab ich geträumt bevor ich – glaub ich – traumlos weiterschlief.