pattern of love / Fragmente

18-01-2022 / Paula Erstmann & Lisa Klosterkötter

Meine Tante hatte vor vielen Jahren eine Affäre mit einem Mann, der eigentlich in einer Liebesbeziehung mit einem alten französischen Graf war. Der Mann pflegte den Graf bis er starb und erbte sein Schloss mit allem was darin war. Auch wenn die Affäre zu meiner Tante bald zu Ende ging hat er ihr Vieles aus dem Schloss geschenkt. Sie hatte Gewissensbisse weil sie sich für die unglücklichen Gefühle des alten Mannes am Ende seines Lebens verantwortlich fühlte. Eines dieser Geschenke, ein Sofa, hat sie mir alsbald weitergegeben, eine vererbte Schuld sozusagen, die in meiner Familie eine stetige Rolle spielt.
In diesem Sofa sitze ich jetzt. Es ist sehr alt und sehr groß, ich kann ganz darin verschwinden, als gelbe Frau in einem gelben Sofa.

Text: Lisa Klosterkötter – Bilder: Paula Erstmann

In der 1892 erschienenen autobiografischen Kurzgeschichte die gelbe Tapete von Charlotte Perkins Gilman, leidet die Protagonistin an einer postnatalen Depression und wird von ihrem Mann, einem Psychologen alter Schule, mit der Anweisung absoluter Bettruhe und Isolation in einem abgeschiedenen Kurhaus immer wieder alleine gelassen. Sie baut eine symbiotische Beziehung zu der Tapete ihres Zimmers auf, in dessen Mustern sie sich voller Angst und Hingabe verliert. Zunächst eine und dann mehrere imaginierte Frauen die hinter den Gittermustern der Tapete wohnen oder eingesperrt sind, werden über die Geschichte hinweg zu ihren Leidensgefährtinnen, mit denen sie gemeinsam aus den Zwängen ihrer Rolle, der patriarchalen Gesellschaftsstruktur und Bevormundung ihres Ehemannes ausbrechen will.

Text: Lisa Klosterkötter – Bilder: Paula Erstmann

That was clever, for really I wasn’t alone a bit! As soon as it was moonlight, and that poor thing began to crawl and shake the pattern I got up and ran to help her.
I pulled and she shook, I shook and she pulled, and before morning we had peeled off yards of that paper.

Text: Lisa Klosterkötter – Bilder: Paula Erstmann

Nach der stillen Geburt meines Kindes saß ich viele Stunden in diesem Sofa und habe mir die verschränkten, geflochtenen Rosenranken, die tanzenden Windungen und wehenden Schleifenbanner des Sofastoffes angeschaut. Diese opulenten immergleichen Muster gaben mir Halt. Ich hatte das Gefühl in den wiederkehrenden, immersiven Formverläufen, Schnörkeln, Raffungen und Beugungen ein zyklisches Wesen zu erkennen, dies zu sein ich mir nie zuvor so bewusst war wie in diesem für mich schicksalsträchtigen Augenblick. Das fortlaufende Netzwerk des endlosen Musters gab mir Hoffnung und Halt.

Text: Lisa Klosterkötter – Bilder: Paula Erstmann

Ich muss an die Tradition der Quilting-Bees denken, eine soziale Einrichtung die seit dem 17. Jahrhundert in den USA existiert und Quilts und Patchwork als alte Handarbeitstechnik, vorwiegend von Frauen praktiziert, weiterführt. Die Quilts entstehen oftmals in gemeinsamer Arbeit, die Personen sitzen um einen Spannrahmen herum, in den einzelne Stoffeile zusammengefügt und miteinander zu einer Decke und letztlich einem Muster vernäht werden. Das kollektive Erarbeiten und Produzieren eines gemeinsamen Objektes stelle ich mir als ermächtigende, befeuernde Handlung vor. Durch die geteilte Arbeit und das Ergänzen vieler Teile zu einer Gesamtheit, so las ich in einigen Berichten, entsteht ein Knotenpunkt von weiblicher Energie und Gemeinschaft.

Text: Lisa Klosterkötter – Bilder: Paula Erstmann

And as a little girl I would sit underneath the quilting frame at grandma's house and see the little stitches and hands coming through to sew the threads to make the shapes.