Zu locker aus dem Buddy-Ärmel geschüttelt

16-01-2019 / Anna-Lena Wenzel

Neo-Avantgarde klingt so catchy wie leer. Doch was soll das genau sein, die Neo-Avantgarde und wen zählt man wann dazu? In der Ausstellung A 37 90 89 – Die Erfindung der Neo-Avantgarde im n.b.k. geht es jedenfalls um eine Gruppe von Künstler*innen, Vermittler*innen, Sammler*innen und Galerist*innen, die sich 1969 im belgischen Antwerpen zusammengetan haben. Der Anspruch der Gruppe war ein anti-institutioneller, konzeptueller und politischer. In einem Haus, das ihnen für ihre Aktivitäten zur Verfügung statt, fanden von Mai 1969 bis Januar 1970 Ausstellungen, Performances und Aktionen statt. Eingeladen waren zum Beispiel die LIDL Sportgruppe (von und mit Jörg Immendorff und Chris Reinecke), Ben Vautier, Marcel Broodthaerts und Carl Andre. Die aktionistischen und performativen Formate sowie die heterogenen künstlerischen Ansätze von konzeptuell bis relational waren damals sicherlich avantgardistisch, wurden aber bestimmt nicht von der Gruppe erfunden, sondern an diesem Ort verdichtet zusammengeführt.

In der n.b.k werden die Aktivitäten der Gruppe dokumentiert: in Form von Fotografien, die überlebensgroß an die Wände plakatiert sind, sowie Original-Material wie Briefe und Einladungskarten. Vereinzelt sind künstlerische Werke ausgestellt, wie Zeichnungen von Hanne Darboven, Filme von Jean Genet u.a. und ein dokumentarischer Film über eine Aktion von James Lee Byars.

Einladungskarte A 37 90 89, 1969; Ben Vautier, 7 Ideas of Ben, Performance in der Galerie René Block, Berlin, am 1. Mai 1971, Fotos: Hermann Kiessling / Archiv René Block, Berlin; Ben Vautier und / and Kasper König performen ein Stück von Ben Vautier, 1969, Foto: Maria Gilissen / Sammlung Isi Fiszman, Brüssel; Programm A 37 90 89 Juli bis August 1969, Archiv René Block, Berlin; Einladung zu 7 Ideas of Ben und dem Fluxuskonzert bei A 37 90 89, 1969, Archiv Cladders

Es entsteht eine Situation, die zwischen Info-Ausstellung und Kunst-Ausstellung in der Schwebe hängt. Weder das Bedürfnis nach vertiefenden Informationen wird befriedigt noch der Wunsch nach „realen“ künstlerischen Arbeiten, die das Versprechen ihres avantgardistischen Status einlösen. Während im Haus der Kulturen der Welt in letzter Zeit öfter Ausstellungen zu sehen waren, bei denen ein wissenschaftliches Team eine Menge von Informationen zu den Objekten zusammengetragen hat, das man dann in Form von Booklets mit nach Hause nehmen konnte, kommt die Ausstellung in der n.b.k. zwar mit vielen Archivmaterialien daher, bleibt jedoch an der Oberfläche. Zum Beispiel weil einige Texte nicht übersetzt sind und andere Informationen von fragwürdigem Gehalt. Warum ist es interessant, dass ein Text von Daniel Buren bei der Übersetzung ins Deutsche orthografisch korrigiert wurde? Warum wird extra erwähnt, dass die Auflösung der Gruppe durch Panamarenko nicht in Absprache mit Kasper König stattgefunden hat? Kasper König war damals der Koordinator der Gruppe; aus den Briefen und Materialien in der Ausstellung geht hervor, dass er etwas zwischen „Kopf“, „Kurator“ und „Macher“ gewesen sein muss – was interessant ist, da die Gruppe anti-hierarchisch sein wollte, und König dann doch wieder eine solche führende Rolle übernommen zu haben scheint. (Das Ignorieren Königs durch Panamarenko könnte demnach tatsächlich eine Reaktion auf diese Konstellation gewesen sein, in der einer für die Gruppe gesprochen und agiert haben könnte.)

 

Spätestens an dieser Stelle wandern die Gedanken von der damaligen Konstellation zur heutigen: Als Kuratoren werden Marius Babias, (zugleich Leiter des n.b.k.), und Florian Waldvogel genannt. Eine ausführliche Darstellung der Verknüpfungen dieser drei Herren und ihrer (Ex-)Partnerinnen würde den Rahmen dieser Kritik sprengen, aber glauben Sie mir, sie sind vielfältig und reichen zurück bis an die Städelschule, an der Waldvogel Königs Assistent war.

Man kann sich gut vorstellen, wie die drei beim Bierchen zusammensaßen – vielleicht war noch René Block dabei, der einige Archivgegenstände beisteuerte und schon öfter mit der n.b.k. kooperierte – und sich gegenseitig darin bestärkten, was für eine tolle und wichtige Sache doch eine solche Ausstellung wäre. Nichts gegen Ausstellungsplanungen bei einem Bierchen und im vertrauten Kreise – aber diese Ausstellung ist mir einfach zu schnell gestrickt und löst ihr eigenes Versprechen, eine Genese von institutionskritischen Praktiken seit den 1960er Jahren zu untersuchen, nicht ein. Zwar gibt es ein Begleitprogramm, das sich einzelnen Fragestellungen widmet (aber was hat die Frage der Kontinuität kulturpessimistischer Weltbilder im Antisemitismus mit der Neo-Avantgarde zu tun?), eine Kooperation mit einem weiteren Projektraum, in dem zeitgenössische Positionen gezeigt werden, sowie ein ausgegliedertes Filmprogramm, doch die Ausstellung an sich geht nicht über das Jahr 1969 hinaus. (Die Publikation, die das eventuell einlösen könnte, ist leider noch nicht fertig). Zwar geht es der Gruppe um Anti-Musealität, doch nicht im Sinne einer Institutionskritik – einer kritischen Auseinandersetzung mit bestehenden Institutionen – sondern um eine Loslösung von der Institution Museum und den klassischen Ausstellungsformaten.

 

Interessant wäre zu erfahren, was aus den damaligen Protagonisten und eben jenem Anti-Musealen Anspruch geworden ist. Kasper König jedenfalls hat lange in Museen gewirkt, Babias und Waldvogel tun es ebenfalls. Die Ausstellung wirkt daher wie ein etwas nostalgisches Zurückschauen auf die eigene Unangepasstheit und Umtriebigkeit (König), die gleichzeitig dazu dient Waldvogels Anti-Establishment Attitüde auszustellen und Babias in seiner links-politischen Haltung zu bestätigen. Die heftige Kritik, die sowohl König als auch Waldvogel in den letzten Monaten ausgesetzt waren, zeugt jedoch davon, wie weit Eigen- und Fremdwahrnehmung bei ihnen auseinander liegen und es ihnen an Einsicht in die eigenen blinden Flecken mangelt. Die da wären: eine Sensibilität für Rassismus und die strukturelle Benachteiligung von Frauen als auch eine Reflexion der eigenen machtvollen Position im Kunstfeld – und der Verantwortung, die mit ihr einhergeht, nicht nur die eigenen „Buddys“ auszustellen, sondern offen zu bleiben für Anderes und Neues.

Meiner Meinung nach provoziert die Ausstellung vor diesem Hintergrund vor allem Fragen nach der Geschichtsschreibung: Wer erzählt hier welche Geschichte mit welchen Mitteln und Materialien? Und wie könnte man sie ganz anders erzählen?

 

 

*Vorschaubild: Ben Vautiers 1969 erstmals im Projektraum A 37 90 89 präsentierte Performance 7 Ideas of Ben in der Galerie René Block, Berlin, 1. Mai 1971. Fotos: Hermann Kiessling / Archiv René Block, Berlin