Auf die Palme

03-09-2018 / Raphael Dillhof

„Da nahmen sie Palmenzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrieen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des HERRN, der König von Israel!“ Schon Jesus wurde mit Palmzweigen empfangen, schreibt die Bibel, im Koran wurde Jesus selbst sogar unter einer geboren. Als einer der ältesten in Palästina verbreiteten, Obstbäume war die immergrüne Dattelpalme etwa Lebensgrundlage und damit als Lebensbaum bekannt, was sie letztendlich sogar selbst zum Jesussymbol werden ließ. (Als Raffael dann aber fünfzehn Jahrhunderte Jahre später die heilige Familie unter einer Fächerpalme malte, da war das vielleicht nicht nur als landestypischer Hintergrund zu sehen. Unschwer ist das Symbol auch politisch zu lesen: Jerusalem, damals muslimisch dominiert, sei christlicher Herrschaftsbereich.)

 

© Nele Gülck: „Selbstgebastelte Palme mit Luftschlangen“ 2017

 

Die Palme, sie war immer mehr als nur eine harmlose Pflanze. Elefanten, Giraffen, Papageien. Schwarze Menschen, und vor allem ganz viele Palmen zieren etwa auch den Barocken Gartenpavillon in Stift Melk. Über und über ist er im Inneren mit afrikanisch-tropischem Exotismus ausfreskiert, eine schwüle Vision von fernen Landen, Luxus, Gier nach dem Fremden – nicht zufällig, dass die Ausgestaltung durch Fritz Muggenast im 18. Jahrhundert zur Hochzeit des europäischen Kolonialismus stattfand. Das Fremde war à la mode, man hielt sich wenn man es konnte schwarze Diener, aß, trank, wohnte auch hierzulande „kolonial“. Nicht zufällig auch, dass wenig später auch im englischen Kolonialreich Königin Viktorias die Zimmerpalme („Parlor Palm“) zu einem Trendpiece wurde, wo sie Foyers von Palästen und verspiegelten Salons dekorierten. Palmenhäuser wurden allenorts gebaut – in vielen, wie in Wien, kann man noch heute sitzen, sich bei tropischen Drinks wie im Urlaub fühlen.

Und die Palme blieb im Trend, auch in der neuen Welt. Immobiliendeveloper waren es, die im Los Angeles an der Wende zum 20. Jahrhundert zunächst 30.000 Exemplare der schlank wachsenden Sorte „Washintonia Robusta“ Pflanzen ließen, um die relativ junge Stadt von einem Dorf in der Wüste, in der bisher lediglich Pfefferbäume wuchsen, zur glamourösen Traumdestination umzugestalten. „It is probable that nothing in Southern California attracts the attention of the tourist and sightseer more, or appeals more to his sense of the beautiful, than do the hundreds of fan-palm trees that are to be seen growing along almost every walk and drive and in nearly every garden, for nothing savors more of the tropical Orient than do these ever-green, thorn-ribbed trees“, schrieb Edward Wall im Jahr 1904. „Where the cold has no place“ der Slogan. Hitze garantiert. Palmen spenden keinen Schatten.

 

© Nele Gülck: „Drei Feuerzeuge“ 2017

 

„Tropical Orient“, am Strand unter Palmen, ein hitzeflirrender Traum von Oasen, Nomadenzelten, von tausendundeiner Nacht. Nichts anderes als Orientalismus ist die Glorifizierung der Palme also letzlich, die sehnsuchtsvolle Romantisierung, Verklärung des Fremden, von Raffaels Madonna über Fritz Muggenasts Phantasiefresko in Melk über die schwülstigen, im „Orient“ angesiedelten Hollywood-Stummfilme, die zu Los Angeles' neuen Palm Drives passten. Die Projektion einer unberührt-mysteriösen Welt, die es so niemals gegeben hat, aber zur Konstruktion des „Anderen“ und zur Legitimierung von Kolonialpolitik herhalten musste. „Unser Platz an der Sonne“, so rechtfertigte man schließlich damals bescheiden die Landnahme im deutschen Reichstag.

Und nicht allzu viel hat sich geändert seit dem Barock. Denn noch heute ist die Palme Symbol für Luxus, Urlaub, Exotik, geblieben. Das einzige, was sich verändert hat, ist das Austreiben der Palme in sämtliche Lebensbereiche. Man verkauft mit ihr T-Shirts, Seife, Feuerzeuge, Serviettenringe, Schlüsselanhänger, bewirbt Nachtclubs und Bars. (Sogar die neue BND-Zentrale in Berlin hat ein Exemplar aus Metall bekommen, um den gigantischen Bürokratenblock „ironisch zu brechen“). Nicht verwunderlich, dass wir im Spätkapitalismus so süchtig nach Luxus, nach Urlaub, nach Exotik und dem Fremden sind, dass die Palme ein All-Time-High hat. Schon verwunderlicher aber, dass der hier durch die lange Linie des westlichen Palmenfetischs mitschwingenden exotischen Untertöne, den man vielleicht bei Karl Mays Büchern, Gauguins oder Ingres' schwülstigen Bildern oder „Mohren“-Werbefiguren vieler Kaffeefirmen befremdlich findet, völlig ausgeblendet wird.

 

© Nele Gülck: „Zwei Kerzenständer mit Kerzen“ 2017

 

Trotz der kommerziellen und kolonialen Konnotationen ist sie übrigens auch in widerständigeren Zusammenhängen beliebt. Als der Künstler Christoph Schäfer bei seinem Nachbarschaftsprojekt Park Fiction auf St. Pauli die Anwohner befragte, was sie auf dem zu gestaltenden Platz haben wollen, da waren sich alle einig: Palmen wollen sie haben. Und die haben sie auch bekommen.

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Zur Zeit läuft die Ausstellung von
Nele Gülck – Die Bäume des Paradieses. Eine Sammlung
31.8. bis 29.9. 2018 (Öffnungszeiten Fr+Sa 16-18 Uhr u.n.V.)
DEAR Photography Art Room Kleine Reichenstraße 1 20457 Hamburg