Eine Geschichte deutscher Duckmäuserei

16-11-2015 / Nora Sdun

»Zurzeit  kommt die Bibliothek vorrangig dem Interesse jener Studierenden entgegen, die sich der konzentrierten Arbeit widmen wollen. Dies entspricht jedoch nicht mehr dem, was sich in nationalen und internationalen Studien als Anspruch an zeitgemäße Bibliotheken abzeichnet.«*

*) Lerchenfeld, Nr. 27, Februar 2015, S. 46

 

Fotos von Armin Chodzinski, Gustav Mechlenburg und Jenny Schäfer

 

Die Bibliothek der Hamburger Kunsthochschulewurde am Tag der Absolventenausstellung verramscht. Ist das eine Geschichte deutscher Duckmäuserei?

 

Die Entscheidung zum sogenannten »Umbau« der Bibliothek der Hamburger Hochschule für bildende Künste (HfbK) fiel angeblich mit großer Mehrheit im Senat. Die mit der Einrichtung beauftragten Jesko Fezer und Glen Oliver Löw verstehen es offenbar, ihre Ideen als Zeitgeistbonbons zu verkaufen. Vielleicht wäre es auch ein Spa geworden? Wer weiß.*

*) Gerechterweise muss hier angemerkt werden, dass die Herren Löw und Fezer dem Präsidenten, der »Loungeinseln« (was auch immer das sein soll) in die Bibliothek stellen und die alten Möbel ganz entfernen wollte, widersprachen, woraufhin sie kurzum die Verantwortung für das Design des Bibliotheksprojekts aufgebrummt bekamen. Es wird im Senat offenbar stets gefragt: »Wer ist dagegen?« und nicht »Wer ist dafür?« Wer also tatsächlich die Hand hebt und dagegen ist, bekommt sofort einen Arbeitsauftrag und damit das Problem aufgehalst, womit man außerdem elegant ein paar Keile zwischen die Kollegen treibt, da nun diejenigen verachtet werden können, die sich mit dem Fall befassen müssen. Bleibt zu fragen: Warum folgt man der Order?

Zum Hochschulsenat gehören Professoren – vor allem treue Vasallen des Präsidenten, Vertreter des akademischen Mittelbaus sowie zwei Studenten. Nur werden die monatlichen Sitzungen nicht von allen Mitgliedern wahrgenommen, weil ihnen die persönlichen Angriffe und Fieseleien (wie sie nun für jedes Lehrerkollegium und auch für jeden Kindergarten üblich sind) zu anstrengend sind, sodass die Herrschaften dann auf die Informationen ihrer Studenten angewiesen sind (die Sitzungen sind öffentlich), die ihnen erklären, was in den Tagen der Absolventenausstellung über die Bühne ging, nämlich der große Flohmarkt der historischen Bestände der Bibliothek (etwa 4000 Bücher sind unter die Leute gebracht worden, interessanterweise ganz ohne Rechnung, das wäre dann auch noch mal ein pikanter Aspekt).
Oh, ja! Die Empörung ist groß! Zitieren lassen will sich aber keiner, weil andernfalls angeblich quasi-disziplinarische Strafen drohen. Es wird gekuscht!
Es wird gekuscht, um z.B. die Entfristung der eigenen Stelle nicht zu gefährden, ja das ist schon ein guter Grund. Bleibt zu fragen, ob man mit so einem verbogenen Hirn, wenn man dann die feste Stelle hat, zu dem »alten Kampfgeist«, den nicht wenige für sich beanspruchen, zurückfindet – ich habe bisher keinen dieser entfristeten Heroen getroffen.
Auch soll es gewisse Boni oder Extrazuwendungen (wie z.B. unkompliziertes Geld für Exkursionen) gegeben haben für linientreues Abstimmungsverhalten. Es scheint in allererster Linie darum zu gehen, einen effizienten, gegenüber den Bedürfnissen einer Hochschule und den dort studierenden Menschen absolut tauben Kader an rückgratlosen und also entsprechend flexiblen Personen zusammenzustellen, die in der positivsten Formulierung, die mir dazu einfallen mag, eine sogenannte »Inselbegabung« vorweisen können – sprich, man achtet vor allem auf sich selbst und macht, wegen des völligen Fehlens solidarischen Verhaltens und politischen Bewusstseins und ja, man muss es wohl so nennen, auch des Fehlens kompetenter qualitativer Kritik, keinen Ärger!

 

Fotos von Armin Chodzinski, Gustav Mechlenburg und Jenny Schäfer

 


Der Flohmarkt der Bücher ist im Grunde nur ein Phänomen, an dem sich die Zustände an dieser Hochschule studieren lassen. Allein die stillose und wirklich abgeschmackte, einer Schule, die für sich beansprucht, die ästhetischen Eliten auszubilden, absolut unwürdige Aktion, den Ausverkauf just am festlichen Abend der Absolventenausstellung zu veranstalten, auf dass jeder, mit einem Getränk in der Hand dann mit der freibleibenden Pfote in den Bücherkisten zu 1, 2 oder 3 Euro wühlen kann (weshalb die Wissenden dann mit den Erstausgaben von X und den Gesamtausgaben von Y nach Hause gehen und sich für ihre Kenntnis, einen guten Fang gemacht zu haben, schämen) – also diese Effizienz und Kaltschnäuzigkeit, mit der man – »wie praktisch, es sind dann ja zu den Abschlussfeierlichkeiten so viele Leute im Haus« – den Ausverkauf als Teil einer Party tarnt, ist eine schwer zu überbietende Blödigkeit und macht den verrotteten Geisteszustand der Verantwortlichen öffentlich. Hier braucht keiner komplette Zeitschriftensätze, gebunden, archiviert und mit System verschlagwortet, auch keine schweren ledergebundenen Ausgaben zu Architektur- und Stilgeschichte, man braucht überhaupt diesen ganzen alten Scheiß nicht; wer braucht, nebenbei, eigentlich die Absolventen der HfbK, die am selben Abend feiern?
Ja, das ist den Lehrenden peinlich an dem Abend und alle wollen von nichts gewusst haben oder winken resigniert ab.
Diese Verramschung ist ein Akt der Willkür. Zur Erledigung der Drecksarbeit wurden immer schon Söldner engagiert, eine Aufgabe, die der Bibliothekarin zufiel, die in die Planung kaum mit einbezogen wurde, aber damit beauftragt war, den Bestand zu verknappen. Sodass z. B. die erst kürzlich sortierten Glasnegative der Lehrmittelsammlung nun ohne Konkordanz in der leeren Luft hängen.*

*) Zum Komplex der Lehrmittelsammlung s. Alexander Rischer, »Die Magie der Dinge und der Staub der Sachen« in: Lerchenfeld Nr. 29, Juni 2015. »Nachdem sich viele universitäre Institutionen in den letzten Jahren von den einst die Lehre und deren Kanon begleitenden Wandtafeln, Glasdias und – zum Teil sicherlich etwas sonderbaren und antiquierten – Objekten oftmals unbedacht und etwas Power-Point-verblendet trennten, da diese nach jahrzehntelangem Gebrauch nicht mehr oder nur noch sehr vereinzelt in Vorlesungen und Seminaren zum Einsatz kamen, scheint aktuell das Interesse an diesen sogenannten »Lehrmittelsammlungen« wieder zu wachsen; zunehmend wird die eigentlich unbestreitbare museale Relevanz solcher Sammlungen anerkannt. (...) Die Sammlung hat viele, sehr verschiedene Quellen aus der Zeit der 1860er bis in die 1950er Jahre. Die Bilder spannen einen weiten Bogen von der Sphinx bis zum Porsche 356. Neben den Fotografien gibt es Serien von Drucken zur Kunst- und Architekturgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart (um 1930), die ein möglichst großes Spektrum zeigen sollten, zu Flora und Fauna, Kunsthandwerk und Technik.«

Das Rhizom, von dem alle Theorieprofessoren (überall) bekanntlich mit Fleiß schwafeln, war hier anschaulich zu erfahren, es war ein einmaliger, über 200 Jahre gewachsener Bestand, an welchem sich die Geschichte der Schule und der Republik ablesen ließ. Es gab Bände, die mit eingebundenen Querverweisen und dicht gespickten Notizen tatsächlich ein Hin und Her zwischen diversen Büchern, Texten und Artefakten möglich machte. Dieses Rhizom ist nun ausgejätet, verramscht, zerstückelt und über ganz Hamburg verteilt. Oder verwendet man besser gleich die schöne deutsche Vokabel ausgemerzt?

 

Fotos von Armin Chodzinski, Gustav Mechlenburg und Jenny Schäfer

 

Wie dem auch sei, die neue Präsenzbibliothek braucht »Luft« und »Platz«, hier soll man nicht lesen, sondern genießen. Die Hochschulbibliothek als Styleoffensive. Böse Zungen behaupten, dass für 100 000 Euro Sofas angeschafft werden sollen (im Newsletter der Hochschule wird tatsächlich das Arbeiten im Liegen angepriesen), außerdem sollen die Kopierer schwarz lackiert werden, weil das Bürobeige solcher Geräte nicht zur »Lounge-Atmosphäre« passt. Nicht zu vergessen die wirklich bahnbrechende Neuerung, die in der Anschaffung von mehreren Tablet-Computern bestehen soll, auf denen man sich dann die ... ja was? z. B. die Onlineausgabe der Monopol zu Gemüte führen kann. Nein, man kann im Netz nicht Kunstgeschichte oder Kunst studieren, sondern nur die fette Sau, die aktuell durchs Dorf getrieben wird. Oder man kann sich vielleicht die neuesten Charts der Lehrenden reinziehen – ja, man muss als Lehrender dieser Schule jedes Jahr eine Liste einreichen, in der darüber Rechenschaft abzulegen ist, wie oft man im Netz genannt ist, inklusive der Ausstellungen, an denen man teilnahm.
Aber man kann bei diesen hochinteressanten Recherchen in Zukunft (ab WS 2015/16) eben kostenlosen Kaffee aus dem Loungekaffeeautomaten zwischen die Buchseiten der Künstlermonografien (die nun neu und »im großen Stil« angeschafften werden) verplempern und dabei sinnierend zur ebenfalls neuen Glasdecke hinaufblicken.* 

*) Der Umbau wird rund 500 000 Euro kosten, das Geld kommt vom Bund. 

Interessanterweise wurde im Newsletter Nr. 27* noch berichtet, dass »der Gesamtbestand der Bücher an der HfbK verbleiben« (kann). 

*) Lerchenfeld Nr. 27, Februar 2015 

War das eine Finte?
Die Behauptung, dass ja schließlich alles von wissenschaftlicher Relevanz online sei, ist eine der brutalsten Idiotien dieser Entscheidung. Die besonders scharfsinnige Bemerkung, dass es sich bei den Büchern und Zeitschriften z. B. der Jahrhundertwende (1800/1900) ja schließlich um Material handele, das nicht auf dem neuesten Forschungsstand ist und deshalb zu vernachlässigen sei, ist die Kehrseite der selben Medaille.
Es ist wohl jedem einsichtig, dass das Aufschlagen und Durchblättern einer Zeitschrift – egal welchen Jahrzehnts – mehr Informationen über den Kontext des jeweiligen Artikels preisgibt als jede Onlineversion. (Abgesehen davon, dass eben nichts, wirklich nichts, was unter einer Auflage von mehreren Zigtausend Stück erschien oder zufällig Teil eines aktuellen Forschungsschwerpunkts ist, online zu finden ist – und das ist sehr, sehr viel.) Außerdem müssen schätzungsweise alle fünf Jahre die digitalisierten Inhalte dem neuesten technischen Stand angepasst werden – was natürlich wegen Etatschwierigkeiten, Personalmangel und zig anderen Gründen nicht geschehen wird. So spart man sich das zeitraubende Abfackeln der Alexandrinischen Bibliotheken. Dass die Tablet-Computer, die das neue »Lounge-Gefühl« betonen sollen, wie alle anderen Computer hackbar sind und wahrscheinlich ständig kaputt sein werden, wird das Problem, dass die Studenten erst in die Benutzung von Onlinedatenbanken eingeführt werden müssten, überlagern, abgesehen davon, dass die Öffnungszeiten für eine Präsenzbibliothek verlängert werden müssten etc.

 

Fotos von Armin Chodzinski, Gustav Mechlenburg und Jenny Schäfer

 

Das ist Zukunftsmusik, also zurück zum Geschehen. Nein, es wurde keine Extra-Abwrackliste geführt, sondern nur die verramschten Titel aus der Bestandsliste der HfbK-Bücher ausgetragen, man muss jetzt also den Bestand studieren, um festzustellen, was weg ist. Der Vorgang wurde aber immerhin dokumentiert. Angeblich sind alle aussortierten Bände in anderen Bibliotheken der Stadt zu bekommen. Diese Behauptung ist bei dem Umfang der verramschten Bände und angesichts der insgesamt lausigen Bibliotheksbestände aller Hamburger Institute wohl schlicht gelogen. Ja, die Blätter für Kunstgewerbe existieren in Hamburg, und auch als Digitalisat. Aber warum wurden diese Publikationen als unbrauchbar eingestuft? (Ein gut erhaltenes Exemplar kostet 250 Euro aufwärts.) Es wäre doch toll, wenn die Blätter für Kunstgewerbe von 1900 selbstverständlich neben den aktuellen Zeitschriften auftauchen würden, nun muss man als Student erst mal darauf kommen, dass es so etwas wie die Blätter überhaupt mal gab – gar nicht so einfach, wenn die Lehrenden auch nichts davon wissen. Tja, dass man an der HfbK promovieren kann, ist relativ neu, war schon bei der Einführung eher ein Witz und wird nun natürlich total seriös.
Und wo wir schon dabei sind, im Dreck zu wühlen, warum sind eigentlich die Bände, die dem Fachbereich Architektur zugeordnet waren, verschwunden? Sie sind mit dem Auszug des Fachbereichs an die HafenCity Universität (HCU) vor einigen Jahren angeblich obsolet geworden, obwohl es sich dabei vor allem um architekturhistorische Bände handelte, die für einen Kunststudenten mindestens ebenso interessant sein müssten wie für Architekten. (Ja, dieser innovative Umgang mit dem Eigentum der Hochschule hat bereits eine gewisse Vorgeschichte, an der HCU sind die Bände jedenfalls noch nicht eingepflegt).
Die Bibliothekarin der HfbK hat meine Mail vom 24. August 2015 mit Fragen zu diesen Vorgängen vermutlich »nach oben« geleitet und von dort die Order bekommen, nicht selbst zu antworten, sondern die Anfrage zu ignorieren. Aber Herr Eigenbrodt (dessen Name Hoffnung machen sollte) von der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, der im Rahmen der Amtshilfe als fachlicher Unterstützer von der HfbK-Leitung dazugebeten wurde, antwortet mir ausführlich.
Er schreibt u. a.: »Die HfbK ... versteht sich laut Selbstbeschreibung heute als Kunst- und Designhochschule mit interdisziplinärem Ansatz. Dies bedeutet, dass der Schwerpunkt sich vom klassischen Kunstgewerbe bzw. der angewandten Kunst zur bildenden Kunst und zum Design verschoben hat.«
Interessant, man sollte meinen, dass die Bezeichnung »angewandte Kunst« in etwa dem entspricht, was man heute »Design« nennt. Es ist also nur ein sprachlicher Shift, der die geschichtsvergessene Entscheidungen hinsichtlich des historischen Bibliotheksbestands rechtfertigt.
Aber abgesichert hat man sich bei der Aktion natürlich. So schreibt Eigenbrodt weiter: »Die Bücher wurden streng nach der Abgabeordnung für Wissenschaftliche Bibliotheken der FHH behandelt. ... Was bereits anderswo in Hamburg vorhanden ist oder von den Expertinnen und Experten der anderen Bibliotheken nicht gewünscht wurde, wurde Antiquaren angeboten und letztendlich im Sonderverkauf veräußert.«*

*) Interessant, dass sich die Antiquare die Bücher zuerst anschauen durften, noch vor den Professoren und Studenten.

Bestürzend an dem Schreiben des StaBi-Manns ist, dass die Ignoranz, die an der HfbK herrschte und herrscht, nun auch noch von einem Fachmann argumentierend gerechtfertigt wird. Dies ist ein Offenbarungseid. Eine Kunsthochschule, die den Namen verdient, ist gefordert, modellhaft Lösungen oder Diskurse zu genau solchen Richtungsentscheidungen anzubieten. Denn wer sagt denn, »was gewünscht ist«, und was bedeuten Schlagworte wie »Aktualität« und »Profil«? Was an einer Bibliothek »aktuell« sein kann, ist vor allem abhängig von der Aktualität der Sichtweise und des Umgangs mit dem Objekt bzw. mit dem Bestand, weniger oder nicht vom Objekt/Bestand selbst. Um einen Bestand zu pflegen, muss man ihn kennen, wenn man ihn nicht kennt, muss man ihn studieren (da helfen auch keine Daybeds oder Ruheliegen). Das ist eine Binsenweisheit, die aber immer aktuell ist, allerdings auch immer weniger Beachtung findet, da die Konsequenzen eines auch nur etwas komplexeren Verständnisses den hochgradig reaktionären, auf ökonomische Funktionalität getrimmten Pragmatismus-Standards nicht dienen.
Die Weigerung der Kunsthochschulen, sich mit dem Thema Bologna auseinanderzusetzen, die neofeudale Meister-Auffassung der Lehrenden, die Autonomieansprüche ... alles atmet Gehorsam gegenüber einem modischen Liberalismus, wobei Hochschullehrer und Studenten als Konsumenten scheinbarer Notwendigkeiten erscheinen.
Man muss annehmen, dass der Präsident nicht mit böser Absicht handelt. Das macht die Sache aber nur schlimmer. Allgemein sind Leute diesen Schlags in der Leitung solcher Häuser sehr gefragt, denn sie sind taub gegenüber den Interessen aus dem Fach und den Notwendigkeiten aus der Praxis, weshalb sie jede Kürzungsvorgabe oder Studienreform durchprügeln können, da sie nicht merken, was sie anrichten, weshalb sie tatsächlich arglos lächeln können, im Glauben königlich und würdevoll zu repräsentieren. Mindestens vier Werkstätten sind seit der Amtseinführung des Präsidenten geschlossen worden, dafür hat er den Verwaltungsbereich, vor allem das Presse- und Öffentlichkeitswesen, zu monströser Größe aufgeblasen.
Warum fällt ihm niemand in den Arm? Es gibt genug Leute an der Schule, die es besser wissen! Nun, als es in einer Senatssitzung Widerstand gab, hat der Präsident angeblich geäußert, dass es nur eine Formsache sei, die Lehrenden davon zu unterrichten – ihre Zustimmung brauche er sowieso nicht. Das stimmt leider.*

*) Das HambHG (seit der CDU-Änderung vom Jahre 2001) sieht diese Machtfülle der Präsidenten der Hamburger Hochschulen so vor; auch die Reform im letzten Jahr durch den SPD-Senat hat an der Stelle nichts wesentlich verändert. Die Gestaltung einer Bibliothek gehört danach zum operativen Geschäft (nicht zur Lehre/Forschung), und da kann der Präsident alleine bestimmen, wenn er will.

Die Studenten waren trotzdem gegen den Umbau der Bibliothek. Sie organisierten eine Diskussionsrunde für alle Personen, die in der Hochschule ein und aus gehen. Dort aufgetaucht sind der Präsident, die zuständigen Designleute, die Bibliotheksmitarbeiter, ca. 30 bis 40 Studenten, einige Werkstattleiter, aber kein einziger weiterer Professor. Zauberhaft! Der institutionellen Selbstbestimmung fernbleiben, weil man Wichtigeres zu tun hat, und später mit dem Arsch an der Wand und Dackelblick die Ungerechtigkeit der Welt anprangern.
Zickig formuliert, muss man sagen, die finanziellen Mittel um einen »Süd-Nord-West-Ost-Flügelbau«, den man dann »Trans-All-Köttering-Flügel« nennen könnte, reichen offenbar nicht aus, sodass der Präsident, um wenigstens irgendwie anders in die Analen der Geschichte einzugehen, in seinem Aktionismus aus Versehen die Schule entkernt.
Denn mit der Ausschabung der Bibliothek unterscheidet sich die Hochschule nun nicht mehr wesentlich von einem der großen Atelierhäuser der Stadt – ist also nur noch eine »Kreativbude« mit ausgesprochener Profilneurose, in der, so viel Unterschied ist dann doch noch da, verwirrte Beamte herumirren, die von nichts gewusst haben wollen, und es keine dringendere Idee zu geben scheint, als dem Fernsehkoch Tim Mälzer die Mensabetreuung zu übertragen (ja, Celebritys sind sehr gern gesehen in diesem Haus), dieser Deal ist allerdings geplatzt. Aber es scheint eine Zeit angebrochen zu sein, in der Kunst und Wissenschaft vor allem eine Frage kulinarisch-genießerischer Aspekte ist.

* Text aus: Kultur & Gespenster, Ausgabe 16, Herbst 2015 
Die Ausgabe ist erhältlich unter http://www.textem.de/kulturgespenster.html